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finaktien.de > Blog > Rezension > Wegen Billigimporten aus China: Europas Chemiebranche warnt vor „industriellem Selbstmord“
Rezension

Wegen Billigimporten aus China: Europas Chemiebranche warnt vor „industriellem Selbstmord“

Last updated: October 7, 2025 12:02 pm
Klaus Meyer
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Wegen Billigimporten aus China: Europas Chemiebranche warnt vor „industriellem Selbstmord“

Chinesische Exportwelle setzt Europas Chemieindustrie unter Druck

Die Chemiebranche in Europa erlebt die härteste Bewährungsprobe seit vielen Jahren. Durch stark zunehmende Importe chinesischer Grundchemikalien drohen Produktionsunterbrechungen, Werkeschließungen und ein dauerhafter Verlust an Wettbewerbsstärke. Eine Auswertung des Handelsblatts auf Basis von Eurostat zeigt: Im ersten Halbjahr 2025 legten die EU-Einfuhren von Chemikalien und Kunststoffen aus China um rund 40 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum zu und erreichten knapp 30 Milliarden Euro.

Auslöser sind eine Mischung aus schwacher Binnennachfrage in China, Überkapazitäten und umgeleiteten Warenströmen infolge hoher US-Zölle. Seit die USA ab Frühjahr 2025 Strafabgaben von bis zu 57,6 % auf chinesische Importe erheben, rückt Europa als Absatzmarkt stärker in den Fokus. Für die hiesige Industrie hat das teils gravierende Konsequenzen.

Überkapazitäten, fallende Preise und geringe Auslastung

Die Produktion der deutschen Chemie schrumpft seit Monaten. Laut dem Verband der Chemischen Industrie (VCI) ging die Herstellung im zweiten Quartal 2025 um 5 % gegenüber dem Vorjahr zurück. Besonders kritisch: Die Anlagenauslastung liegt mit 71 % deutlich unter der wirtschaftlichen Schwelle von rund 82 %.

Das Ergebnis sind sinkende Preise bei Standardkunststoffen wie Polyethylen und Polypropylen – im Schnitt um 10 % zum Vorjahr. Gerade diese Massenprodukte lassen sich leicht transportieren und weltweit handeln. Die daraus resultierenden Margenverluste bringen zahlreiche Standorte in Europa zunehmend in Bedrängnis.

Reaktionen der Unternehmen: Schließungen und gesenkte Ausblicke

Viele Hersteller ziehen Konsequenzen. Der britische Konzern Ineos kündigte Anfang Oktober die Stilllegung zweier Werke in Rheinberg (NRW) an. Dow hatte bereits im Juli zwei Standorte in Sachsen-Anhalt geschlossen. In Deutschland sind durch Werksschließungen insgesamt rund 2.000 Arbeitsplätze bedroht.

Die großen deutschen Konzerne BASF, Covestro, Evonik und Lanxess haben ihre Prognosen für 2025 spürbar reduziert. BASF-Chef Markus Kamieth erklärte auf dem Kapitalmarkttag: „Die Margen in der Basischemie stehen unter anhaltendem Druck – eine kurzfristige Entspannung ist nicht in Sicht.“

Zusätzlicher Druck aus den USA: Wegfall von EU-Zöllen auf US-Chemie

Zur China-Welle könnte nun auch verstärkter Importdruck aus den USA kommen. Ein zwischen EU-Kommission und Weißem Haus vereinbartes Abkommen sieht den Wegfall von Einfuhrzöllen auf Industrieprodukte vor – betroffen sind auch Standardkunststoffe wie Polypropylen.

Die bisherigen EU-Zölle von 6,5 % auf US-Chemieerzeugnisse boten bislang eine gewisse Schutzwirkung. Künftig könnten amerikanische Anbieter verstärkt in den ohnehin überversorgten europäischen Markt liefern. Die Analysten von ICIS warnen vor „erheblichen Verwerfungen“ der globalen Handelsströme.

Industrie drängt auf stärkere EU-Schutzinstrumente

Angesichts der Lage fordert die Branche wirksamere handelspolitische Schutzmaßnahmen. Der europäische Verband Cefic mahnt, Anti-Dumping-Verfahren zügiger und entschlossener anzustoßen.

Bereits 2024 entfielen fast 50 % der neuen EU-Antidumpingfälle auf Chemieprodukte – ein klares Signal für systematische Marktverzerrungen durch Dumpingpreise. „Der europäische Industriestandort muss dringend gestärkt werden“, fordert Covestro. Nötig seien faire Wettbewerbsbedingungen, insbesondere bei Energiepreisen und regulatorischen Rahmenbedingungen.

EU-Industriekommissar Stéphane Séjourné stellte zuletzt zumindest für den Stahlbereich protektionistische Eingriffe in Aussicht. Im Chemiesektor setzt Brüssel bislang auf ein Monitoring der Warenströme, aus dem neue Verfahren abgeleitet werden könnten.

China: Überkapazitäten und schwache Binnennachfrage als Haupttreiber

Der chinesische Exportdruck ist nicht nur eine Folge von Zöllen. Strukturelle Überkapazitäten spielen eine zentrale Rolle: Seit rund zehn Jahren baut die Volksrepublik ihre Chemiekapazitäten aus, um die Abhängigkeit von Importen zu verringern.

Gleichzeitig hat sich das Wachstum nach der Pandemie merklich abgekühlt. Die Industrieproduktion in China schrumpfte im September 2025 den sechsten Monat in Folge, während die Einzelhandelsumsätze nur um 3,4 % gegenüber dem Vorjahr zulegten – deutlich unter den Erwartungen.

Trotzdem hält Peking an seiner Industrieexpansion fest. Der Exportüberschuss wird durch staatliche Programme wie Verbraucherprämien und Subventionen gestützt. Das zeigt Wirkung: Die chinesischen Exporte in Richtung Europa und Südostasien nehmen zu – auch als Reaktion auf die deutlich nachlassende US-Nachfrage.

Weltbank hebt China-Prognose an – Risiken bleiben bestehen

Im aktuellen Ostasienbericht hat die Weltbank ihre Wachstumsprognose für China 2025 von 4,0 % auf 4,8 % erhöht. Begründet wird dies vor allem mit kurzfristigen Stützungsmaßnahmen wie Steuersenkungen und Infrastrukturprogrammen, die jedoch 2026 wieder auslaufen sollen.

Für 2026 erwartet die Weltbank bereits einen Rückgang des chinesischen Wachstums auf 4,2 % – unter anderem wegen eines nachlassenden Exportbooms und einer strukturell schwachen Inlandsnachfrage.

Fazit: Struktureller Wandel belastet Europas Chemie

Die europäische Chemie steht an einem Wendepunkt. Die Mischung aus chinesischer Exportoffensive, zusätzlichen US-Importen sowie dauerhaft hohen Energie- und Regulierungskosten stellt die Wettbewerbsfähigkeit massiv infrage. Werkeschließungen, Jobabbau und aufgeschobene Investitionen sind die Folge – mit spürbaren Auswirkungen auf die deutsche Industrie insgesamt, zumal die Chemie zentrale Zuliefererin für Auto-, Maschinen- und Elektroindustrie ist.

Während USA und China ihre Industriepolitik stark staatlich flankieren, agiert Europa mit einem offenen Binnenmarkt – jedoch ohne ausreichenden Schutz vor verzerrenden Importen. Industriekommissar Séjourné bringt es auf den Punkt: Europa muss ein neues Gleichgewicht finden, sonst droht ein schleichender Verlust eines Schlüsselzweigs der Industrie.


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