WASHINGTON/TEHERAN (dpa-AFX) – Massive israelische Angriffe im Libanon, erneuter Beschuss aus dem Iran auf Ziele in der Region und ein abermaliger Stopp der Schifffahrt in der Straße von Hormus setzen die Waffenruhe im Iran-Krieg unter Druck. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Fars erwägt Teheran wegen der israelischen Operationen gegen die Hisbollah im Libanon, die vereinbarte zweiwöchige Feuerpause mit den USA aufzukündigen.
Aus Protest gegen die Angriffe auf die verbündete Miliz habe der Iran laut Fars den Schiffsverkehr durch die für den Öl- und Gashandel zentrale Meerenge erneut gestoppt. Diese Blockade widerspricht der Absprache mit den USA.
Israel: Umfangreichster koordinierter Schlag gegen Hisbollah
Die israelischen Streitkräfte griffen den Libanon massiv an und sprachen selbst vom “größten koordinierten Angriff” auf militärische Infrastruktur der Hisbollah seit dem Wiederaufflammen des Konflikts Anfang März. Mindestens 112 Menschen seien getötet und mehr als 800 verletzt worden, erklärte ein Sprecher des libanesischen Gesundheitsministeriums.
Nach Auffassung der iranischen Führung verstoßen die israelischen Angriffe gegen die Vereinbarung. Pakistans Premier Shehbaz Sharif schrieb auf X, die Feuerpause gelte ausdrücklich auch für den Libanon.
Israels Premier Benjamin Netanjahu widersprach und betonte, der Waffenstillstand beziehe sich ausschließlich auf den Konflikt zwischen den USA und dem Iran – nicht auf das Vorgehen gegen die Hisbollah. Israel wirft dem Iran vor, seine Angriffe auf das Land trotz Inkrafttretens der Feuerpause fortgesetzt zu haben.
Erleichterung nach Verkündung der Feuerpause
Die internationale Gemeinschaft reagierte mit großer Erleichterung auf die Einigung zur Waffenruhe und mahnte die Konfliktparteien, den diplomatischen Erfolg abzusichern. Bundeskanzler Friedrich Merz betonte, nun müsse in den kommenden Tagen ein dauerhaftes Ende des Krieges ausgehandelt werden.
Auch mehrere arabische Staaten bewerten die Entwicklung positiv. Es sei wichtig, Lösungen zu finden, die die Krise an der Wurzel packen, teilte das Außenministerium des Oman mit. In den vergangenen Wochen gerieten die Golfstaaten wiederholt unter iranischen Beschuss.
Die Börsen feierten die Feuerpause mit kräftigen Kursgewinnen. Die Ölpreise gaben nach.
Iran: Durchfahrt durch die Straße von Hormus nur nach Genehmigung
Nach neuen Angaben aus dem Iran herrschte Unklarheit darüber, ab wann und unter welchen Bedingungen die Straße von Hormus wieder passierbar ist. Der Schiffsverkehr unterliege weiter “technischen Beschränkungen und der Abstimmung mit den iranischen Streitkräften”, hieß es in Teheran. Laut Fars durchquerten lediglich zwei Öltanker die Meerenge, bevor der Verkehr aus Protest erneut eingestellt wurde.
Zehn-Punkte-Plan als Basis für weitere Verhandlungen
Kurz vor Ablauf des Ultimatums von US-Präsident Donald Trump – er hatte auf eine Öffnung der Meerenge gedrungen und angedroht, die iranische Zivilisation durch Angriffe auf zivile Infrastruktur auszulöschen – einigten sich die Kriegsparteien auf einen von Teheran vorgelegten Zehn-Punkte-Plan. Dieser soll ab Freitag in Pakistans Hauptstadt Islamabad die Grundlage für Friedensverhandlungen bilden.
Offiziell wurde der Plan nicht veröffentlicht. Nach Berichten iranischer Medien soll die Straße von Hormus zwar geöffnet werden, der Iran jedoch die Kontrolle über die Meerenge behalten und Uran anreichern dürfen. Zudem werde die Aufhebung strenger internationaler Sanktionen und UN-Strafmaßnahmen verlangt. Im Gegenzug verpflichte sich die Islamische Republik, niemals Atomwaffen herzustellen; die Urananreicherung solle nach weiteren Verhandlungen eingeschränkt werden.
Beide Seiten reklamieren den Erfolg für sich
Beide Lager erklärten sich angesichts der Feuerpause zu Siegern. In Teheran feierten zahlreiche regierungsnahe Anhänger. Trump habe sich den iranischen Forderungen gebeugt, sagte ein Reporter des dem paramilitärischen Basidsch-Milizen nahestehenden Senders SNN TV.
Experten bewerteten, die USA hätten nur wenige ihrer Forderungen durchsetzen können. Der Sicherheitsexperte Carlo Masala sagte im Deutschlandfunk, das Erreichte sehe eher nach einer strategischen Niederlage der Vereinigten Staaten aus; im Zehn-Punkte-Plan sei wenig Entgegenkommen Teherans gegenüber den ursprünglichen US-Forderungen enthalten.
Um eine Wiederbewaffnung des Iran zu erschweren, kündigte Trump Strafzölle von 50 Prozent für Staaten an, die Teheran mit Waffen beliefern.
US-Vizepräsident Vance warnt vor “fragiler” Lage
Nach Einschätzung von US-Vizepräsident JD Vance ist ein Erfolg der Friedensgespräche längst nicht sicher. Die Lage sei “fragil”, da es im Machtzentrum des Irans sowohl Kräfte gebe, die konstruktiv auf Verhandlungen hinarbeiten, als auch solche, die diese torpedieren wollten, so Vance.
Spannung vor Gespräch im Weißen Haus
Die Einigung auf eine Waffenruhe in dem am 28. Februar von den USA und Israel begonnenen Krieg im Iran erfolgte kurz vor einem abendlichen Treffen Trumps mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte im Weißen Haus. Bei dem Gespräch dürfte es um Trumps scharfe Kritik an dem Bündnis gegangen sein. Er hatte versucht, Nato-Verbündete zur Unterstützung bei der Sicherung der Straße von Hormus zu bewegen; als diese ausblieb, verunglimpfte Trump die Allianz als zahnlosen Tiger.
Wie geht es nun weiter?
Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif lud Delegationen der USA und des Iran für Freitag zu weiteren Gesprächen in die Hauptstadt Islamabad ein. Pakistanischen Quellen zufolge könnten auch Vertreter aus Saudi-Arabien, der Türkei und Ägypten teilnehmen.
Wie positioniert sich Israel zur Vereinbarung?
Israel war an den Verhandlungen nicht beteiligt, unterstützt nach Angaben von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu jedoch Trumps Entscheidung für die Feuerpause. Voraussetzung sei, dass der Iran die Straße von Hormus öffnet und seine Angriffe ebenfalls aussetzt. Israel beharrt außerdem darauf, dass Irans Atom- und Raketenprogramm keine Bedrohung mehr für die USA, Israel und die arabischen Nachbarn Teherans darstellen darf./mrd/DP/men