Analysten halten ein Szenario für möglich, das die Ölpreise deutlich nach oben treiben könnte. Im Fokus steht dabei weniger der Iran als vielmehr China.
Die Lage an der Straße von Hormus spitzt sich weiter zu: In der Nacht auf Donnerstag (11. Juni) kam es erneut zu gegenseitigen Angriffen zwischen den USA und dem Iran. Während iranische Medien berichten, die Wasserstraße sei nun vollständig blockiert, dementieren die USA dies. Zusätzlich droht wegen China ein kräftiger Sprung beim Ölpreis. Die Folge: Steigende Spritpreise in Europa sind kaum zu vermeiden.
Das Wichtigste zusammengefasst:
- Die Passage durch die Straße von Hormus bleibt blockiert.
- Ein Worst-Case-Szenario in China könnte die Ölpreise regelrecht explodieren lassen.
- Die Golfstaaten können derzeit nur einen Teil ihrer Fördermengen ausführen.
- Im Westen hat das bereits zu kräftigen Preisaufschlägen geführt.
- Aktuelle Daten deuten darauf hin, dass erst in einigen Monaten Entspannung einsetzt.
Hormus-Blockade: China könnte den Barrelpreis Richtung 200 Dollar treiben
Wie das US-Magazin „Fortune” berichtet, hat China in den vergangenen Wochen vergleichsweise wenig Rohöl importiert. Sollte Peking diese Zurückhaltung beenden, seien Preise von bis zu 200 US-Dollar je Barrel denkbar, warnen Experten.
Doch auch ohne zusätzliche Zuspitzung aus Asien bleibt die Lage angespannt. Durch die Blockade am Persischen Golf fehlen dem Markt über eine Milliarde Barrel (159 Liter) an Kapazitäten. Rund zwei Drittel davon gleichen Industriestaaten durch das Anzapfen ihrer Reserven aus. So entnehmen die USA täglich etwa 1,3 Millionen Barrel aus der strategischen Reserve, Japan rund 800.000 Barrel pro Tag.
Nach Einschätzung der Rohöl-Analystin Martha Tallas von Argus Media fehlen dem Markt derzeit etwa 14 Millionen Barrel täglich. Da Gespräche zwischen Iran und USA bisher erfolglos bleiben, rechnet sie nicht mit einer schnellen Entspannung. Im Gegenteil: „Wir gehen jetzt davon aus, dass die Straße von Hormus bis Ende August effektiv geschlossen bleibt.“
120 Dollar pro Barrel, falls die Hormus-Blockade endet
Die ernüchternde Aussicht: Erst im März 2027 dürften die Rohölexporte wieder das Niveau vom Januar 2026 erreichen – vorausgesetzt, die Straße von Hormus öffnet im September erneut und China fährt seine Nachfrage nicht hoch. „Darum haben wir unsere Vorhersage für North Sea Dated (eine Rohölsorte, die auch als Brent bekannt ist, Anm. d. Red.) im dritten Quartal auf durchschnittlich 120 US-Dollar pro Barrel angehoben, von vorher 95 US-Dollar.“
Auch die Gegenmaßnahmen anderer Golfstaaten ändern wenig am strukturellen Angebotsmangel. Saudi-Arabien hat etwa eine Notfallpipeline zum Roten Meer aktiviert, die Vereinigten Arabischen Emirate weichen auf den Hafen Fudschaira aus – dennoch hält die Blockade der Straße von Hormus erhebliche Mengen vom Markt fern.
Zwar liegt die Argus-Einschätzung unter der von „Fortune“, dennoch wäre Öl teurer als auf dem bisherigen Hoch während des Irankriegs von rund 115 US-Dollar pro Barrel. Damals kostete der Liter Diesel hierzulande über 2,40 Euro.
Beim Benzin nur geringe Veränderungen
Steigende Ölpreise verteuern zwangsläufig den Kraftstoff an den Zapfsäulen. Entscheidend sind dabei jedoch vor allem die Preise für Benzin und Diesel – weniger der reine Rohölkurs.
Derzeit bleibt die Exportnachfrage nach Benzin gedämpft. Argus Media beobachtet sowohl in den USA als auch in Europa eine leichte Schwäche – und das trotz bevorstehender Sommerferien in vielen Ländern. Kurzfristig sind daher beim Benzinpreis keine großen Ausschläge zu erwarten.
Bis zum Jahresende dürften die Dieselvorräte im Vergleich zum Vorkriegsniveau um rund 30 Prozent schrumpfen. Das deckt sich mit aktuellen OECD-Daten: Während die Rohölbestände um 4,2 Millionen Barrel stiegen, sanken die Lager für Fertigprodukte um 52,7 Millionen Barrel.
Hormus-Blockade stürzt Europa in eine Kerosin-Knappheit
Die Kerosinpreise stehen unter Druck, auch weil Raffinerien stärker auf Diesel und Flugkraftstoff setzen und dafür weniger Benzin herstellen. Zwar kommt dadurch mehr Kerosin auf den Markt, zugleich ist die Nachfrage in Europa hoch – kein Wunder, rund 30 Prozent des europäischen Kerosins stammten ursprünglich aus dem Persischen Golf. Diese Lieferungen fallen derzeit aus.
Europa ist daher auf Zulieferungen aus den USA und Asien angewiesen – und damit „verletzlich gegenüber neuen Versorgungsengpässen oder ungeplanten Raffinerie-Ausfällen“. Dieser Trend dürfte spätestens bis zum Ende des Sommers anhalten. Die Kerosinbestände in Nord- und Zentraleuropa könnten bis Oktober auf nur noch 40 Prozent des Vorkriegsniveaus sinken.
Die Einschätzung von Argus zum Heizöl überrascht kaum: In den Sommermonaten heizen deutsche Haushalte wenig, die Nachfrage ist daher eingebrochen. „Ungewöhnlich“ findet Heizöl-Experte Hagen Reiners jedoch, dass Deutschland aktuell Gasöl exportiert – üblicherweise ist die Bundesrepublik Netto-Importeur.
USA und China könnten den Ölpreis weiter nach oben treiben
Zum Schluss nennt der Markt zwei weitere Faktoren, die die Preisbildung an der Zapfsäule stark beeinflussen könnten.
- Erstens: Trump hat zuletzt wiederholt über Social Media für Beruhigung am Ölmarkt gesorgt, etwa mit Ankündigungen zu Waffenruhe oder Entspannung im Krieg. Das drückte die Barrelpreise künstlich. Zudem stehen in den USA die Midterms an. Entscheidet Trump, mehr Öl im Land zu behalten, um die heimischen Spritpreise zu dämpfen, fehlen Ausfuhren – was Europa verteuern würde.
- Drittens: Der Tankrabatt läuft Ende Juni aus. Er hatte seit dem 1. Mai dafür gesorgt, dass die Spritpreise trotz weiterhin hoher Rohölnotierungen unter zwei Euro sanken. Die Bundesregierung arbeitet an einer Lösung, um einen Preissprung an der Zapfsäule zu verhindern.