Donald Trumps Optimismus könnte bei zahlreichen Privatanlegern die Furcht schüren, die nächste Kursrally zu verpassen. Genau das kann an Märkten mit historisch hohen Bewertungen extrem riskant sein.
- Anleger könnten Trumps Ankündigung als Kaufempfehlung deuten
- Der Aufschwung startete vor Trumps zweiter Amtszeit
- Shiller-KGV sendet ein Warnsignal
- Renditen hängen überproportional an Tech- und KI-Giganten
- Der Boom kreditfinanzierter Aktienkäufe ist alarmierend
- Die Börsenhistorie erteilt eine klare Lektion
„Es wird nach oben gehen – ich glaube, der Aktienmarkt wird durch die Decke gehen“, sagte US-Präsident Donald Trump am 6. Juli im Oval Office, als er die Eröffnungsglocken der New Yorker Börse und der Technologiebörse Nasdaq läutete.
Anlass war die Einführung der sogenannten Trump-Konten, steuerlich geförderter Anlagekonten für Kinder. Seine Botschaft reichte jedoch weit über dieses langfristige Sparinstrument hinaus. Trump stellte kurzfristig weitere Kursgewinne in Aussicht – und tat dies mit einer Sicherheit, die an der Börse niemand seriös beanspruchen kann.
Anleger könnten Trumps Ankündigung als Kaufempfehlung deuten
Darin liegt die eigentliche Gefahr. Wenn der mächtigste Politiker der Welt einen erneuten Kurssprung quasi in Aussicht stellt, werten viele Unerfahrene das als Kaufsignal. Fomo, also die Angst, etwas zu verpassen, greift um sich. Was weiß oder tut Trump, was Anlegern entgeht?
Viele könnten ausgerechnet auf Rekordniveaus einsteigen, ihr Risiko damit deutlich erhöhen oder gar mit Fremdkapital spekulieren.
Trump ist jedoch kein Börsenorakel. Die vermeintliche Gewissheit, die er verbreitet, kann Leichtgläubige teuer zu stehen kommen.
Der Aufschwung startete vor Trumps zweiter Amtszeit
Ein Präsident darf für langfristigen Vermögensaufbau werben. Er sollte den Bürgern jedoch nicht suggerieren, steigende Kurse seien quasi garantiert. Die Börsenhistorie zeigt das Gegenteil.
Trump führt die Börsenentwicklung immer wieder auf seine Politik zurück. Tatsächlich setzte der aktuelle Aufwärtstrend lange vor seiner zweiten Amtszeit ein. Der S&P 500 legte 2023 um rund 26 Prozent zu, 2024 um weitere 25 Prozent. Im Jahr 2025 kamen 17,9 Prozent hinzu, bis Anfang Juli 2026 noch einmal ungefähr zehn Prozent.
Zwar können Steuersenkungen, Deregulierung und steigende Unternehmensgewinne die Kurse stützen. Einen erheblichen Teil der Rally treiben jedoch Erwartungen an Künstliche Intelligenz, Halbleiter und Rechenzentren. Dafür kann Trump kaum allein den politischen Verdienst beanspruchen – auch wenn er das häufig tut.
Das kann ihm – historisch betrachtet – dennoch zugutekommen. Umgekehrt gilt: Kommt es zu einem Crash, ist nicht automatisch der Präsident der Schuldige. Kurse entstehen aus Gewinnen, Zinsen, Bewertungen und Erwartungen – nicht allein aus Reden im Oval Office.
Shiller-KGV sendet ein Warnsignal
Das deutlichste Warnzeichen gegen Trumps „Durch-die-Decke“-These liefert das sogenannte Shiller-KGV. Diese Kennzahl setzt die Aktienkurse ins Verhältnis zu den inflationsbereinigten Unternehmensgewinnen der vergangenen zehn Jahre und glättet damit kurzfristige Gewinnspitzen.
Am 10. Juli 2026 lag das Shiller-KGV des S&P 500 bei rund 42. Der langfristige Mittelwert beträgt etwa 17. Nur auf dem Höhepunkt der Internetblase Ende 1999 war der US-Markt mit einem Wert von gut 44 noch teurer. Wenige Monate später begann der Absturz der Technologiewerte.
Auch die US-Notenbank hielt in ihrem jüngsten Bericht zur Finanzstabilität fest, dass das erwartungsbasierte Kurs-Gewinn-Verhältnis weiterhin am oberen Rand seiner historischen Bandbreite liegt.
Das heißt nicht, dass der Crash morgen kommt. Bewertungen sind schlechte Zeitmesser; überteuerte Märkte können noch Monate oder Jahre weiter steigen. Langfristig wirken Bewertungen jedoch wie Schwerkraft: Je höher der Einstiegspreis, desto niedriger fallen tendenziell die späteren Renditen aus.
Renditen hängen überproportional an Tech- und KI-Giganten
Hinzu kommt das Konzentrationsrisiko: Die zehn größten Unternehmen stellten zuletzt fast 40 Prozent des S&P 500. Eine so starke Abhängigkeit von einigen wenigen Konzernen hatte es seit Mitte der 1960er-Jahre nicht mehr gegeben.
Viele Privatanleger glauben, mit einem amerikanischen Indexfonds automatisch breit gestreut zu investieren. Formal stimmt das. Praktisch hängt ihre Rendite jedoch überproportional an einigen Technologie- und KI-Giganten.
Verfehlen diese Konzerne die hohen Gewinnerwartungen, kann ein kleiner Kreis von Aktien den gesamten Index nach unten ziehen. Je höher zuvor die Bewertungen gestiegen sind, desto heftiger kann die Reaktion am Ende ausfallen.
Der Boom kreditfinanzierter Aktienkäufe ist alarmierend
Besonders bedenklich ist der Boom kreditfinanzierter Aktienkäufe. Nach Zahlen der Finanzaufsicht Finra beliefen sich die ausstehenden Wertpapierkredite im Mai 2026 auf rund 1,416 Billionen Dollar. Ein Jahr zuvor waren es rund 921 Milliarden Dollar. Das entspricht einem Anstieg um fast 54 Prozent.
Solange die Kurse steigen, hebelt geliehenes Geld die Gewinne. Fallen die Kurse, verstärkt es die Verluste massiv. Unterschreitet ein Depot bestimmte Sicherungsgrenzen, kann der Broker zusätzliches Geld verlangen oder Aktien zwangsweise verkaufen. Solche Verkäufe können eine Abwärtsspirale auslösen.
Gerade Unerfahrene unterschätzen diesen Mechanismus. Sie sehen vergangene Gewinne und hören den mächtigsten Politiker der Welt von einem Markt sprechen, der „durch die Decke“ gehen werde, und kaufen dort, wo erfahrene Investoren die Finger von lassen.
Die amerikanische Börsenaufsicht warnt ausdrücklich vor diesem Verhalten. Wer aus Furcht vor dem Verpassen eines Trends kauft, orientiert sich häufig nicht mehr an Fundamentaldaten, Risikotoleranz oder Anlagehorizont.
Die Börsenhistorie erteilt eine klare Lektion
Das heißt aber nicht, dass die Trump-Konten deshalb grundsätzlich falsch sind. Wer über 18 Jahre regelmäßig in einen günstigen und breit gestreuten Fonds investiert, kann selbst zwischenzeitliche Börsencrashs gut aussitzen.
Problematisch wird es, wenn aus langfristigem Sparen eine politische Gewinnzusage wird. Trump verwischt die Grenze zwischen einem über Jahrzehnte angelegten Investment und einer Wette darauf, dass die Kurse nach einer mehrjährigen Rally sofort weitersteigen.
Die Börsenhistorie lehrt: Neue Technologien können die Wirtschaft revolutionieren und ihre Aktien trotzdem zunächst viel zu teuer sein. Rekordkurse können weiter steigen und dennoch schlechte Einstiegszeitpunkte markieren. Und kreditfinanzierte Euphorie endet meist dann besonders schmerzhaft, wenn zuvor kaum noch jemand mit fallenden Kursen rechnet.
Ein Präsident kann die Eröffnungsglocke läuten. Die Gesetze von Bewertung, Risiko und Rendite kann er jedoch nicht außer Kraft setzen.