Auf dem KI-Markt geben derzeit US-Konzerne den Ton an. Dagegen wollen deutsche und französische Wettbewerber nun gemeinsam vorgehen und durchstarten. Dabei steht die Frage im Raum: Wie weit tragen 12 Milliarden Euro?
Der Zugriff auf KI-Modelle ist nicht nur ein Thema wirtschaftlicher Souveränität, sondern berührt auch die innere und äußere Sicherheit von Staaten. Das hat ein Vorfall am 13. Juni 2026 erneut unterstrichen.
So erklärte das US-Unternehmen Anthropic, es verweigere auf Anordnung der Regierung allen Ausländerinnen und Ausländern den Zugang zu den Spitzenmodellen Fable 5 und Mythos 5 mit Künstlicher Intelligenz – unter Berufung auf die nationale Sicherheit. Diese KI-Systeme gelten als besonders geeignet, Schwachstellen in Software aufzuspüren.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sieht Deutschland in der Pflicht, den Rückstand bei Künstlicher Intelligenz zügig aufzuholen. In der aktuellen Lage müsse man technologische Neuerungen aktiv mitprägen, sonst könne es passieren, “dass man sehr schnell zu den Opfern gehört”, zitierte ihn die Nachrichtenagentur dpa.
Erste Antworten
Auf Anfrage teilte das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) der DW mit, dass entsprechende Schritte bereits eingeleitet seien: “Das DFKI und sein französischer Partner Inria (eine staatliche Forschungseinrichtung für Informatik und Automatisierung) werden am 18.6. in Beisein von Forschungsministerin Bär und ihrem französischen Kollegen Baptiste eine Vereinbarung zur Gründung eines deutsch-französischen KI-Zentrums unterzeichnen.”
Im Anschluss daran, so DFKI-Sprecher Andreas Schepers, werden ab Juli 2026 an beiden Standorten in Deutschland und Frankreich Büros aufgebaut; im vierten Quartal soll der operative Betrieb der Project Factory starten.
Aus Frankreich hat sich bereits ein Player positioniert: die Mistral AI, ein französisches Softwareunternehmen für Künstliche Intelligenz und in Europa führend bei großen Sprachmodellen.
Für europäische Verhältnisse ist Mistral ein Schwergewicht: Im September 2025 meldete Bloomberg, Mistral AI habe eine Finanzierung von zwei Milliarden Euro erhalten und werde nun mit 12 Milliarden Euro bewertet. Zuvor hatte das niederländische Unternehmen ASML, der weltweit größte Anbieter von Lithographiesystemen für die Halbleiterindustrie, elf Prozent an Mistral übernommen.
Warum Autarkie wichtig ist
Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder betonte gegenüber der DW, Europa müsse leistungsfähige eigene KI-Angebote entwickeln, um wettbewerbs- und handlungsfähig zu bleiben. Digitale Souveränität bedeute seiner Einschätzung nach, über substanzielle Kompetenzen in Schlüsseltechnologien zu verfügen und eigenständig entscheiden zu können, aus welchen Ländern man Technologien bezieht, die nicht im eigenen Land entstehen.
Auch die Bundesregierung scheint diesen Kurs zu unterstützen. Am 11. Februar beschloss sie, die europäische KI-Verordnung umzusetzen. In einer Pressemitteilung seines Hauses kündigte Bundesdigitalminister Karsten Wildberger eine “schlanke KI-Aufsicht mit klarem Blick auf die Bedarfe der Wirtschaft” an und versicherte, keine neue “Behörde mit Wasserkopf” zu schaffen. So solle “für einen sicheren KI-Einsatz, stärkeres Wachstum und Innovationskraft unserer Unternehmen” gesorgt werden.
Was Deutschland beisteuert
Wenn derzeit von möglichen europäischen Champions die Rede ist, fällt häufig der Name des französischen Aufsteigers Mistral. Lennart Kuhn aus der Öffentlichkeitsarbeit des DFKI verweist jedoch auch auf hochinnovative Firmen aus Deutschland, darunter “Black Forest Labs, Langdock, Codesphere und Aleph Alpha, NOXTUA oder Neura Robotics.”
Auch Bitkom-Chef Rohleder hebt die hiesigen Stärken hervor: In Deutschland arbeiteten zahlreiche Unternehmen an eigenen KI-Lösungen – von Basismodellen für Maschinen- oder Tabellendaten bis zu Anwendungsmodellen etwa in Medizin und Bildung.
12 Milliarden: viel oder wenig?
Der Aufbau neuer Strukturen erfordert Zeit, gemeinsame Kraftanstrengungen und vor allem guten Willen – sowie Geld. Vor diesem Hintergrund kam die Nachricht über Mistrals Bewertung von 12 Milliarden Euro gerade recht. Doch wie gewichtig ist diese Summe im Vergleich zu den weltweiten Investitionen der Branche?
Bernhard Rohleder hält fest: “Mit 12 Milliarden Euro lässt sich viel machen.” Zugleich betont er, es gehe nicht allein ums Kapital. Entscheidend sei ebenso, “ob es gelingt, Talente anzuziehen und ob die Rahmenbedingungen stimmen. Die KI-Unternehmen brauchen weniger Regulierung und einen Staat, der als Ankerkunde neue Technologien in die Anwendung bringt und ihre Skalierung unterstützt.”
Lennart Kuhn schreibt: “Die entscheidende Frage ist nicht, ob Mistral die USA kurzfristig überholen kann”. Der Erfolg von KI-Modellen entscheide sich nicht ausschließlich über die Bewertung eines Wettbewerbers. Wichtiger seien “Datensouveränität, regulatorische Konformität, Transparenz und die Kontrolle über die Infrastruktur. In diesen Bereichen kann ein europäischer Anbieter wie Mistral durchaus Wettbewerbsvorteile entwickeln.”
Europa ist noch nicht abgehängt
Will Europa zu einer echten Alternative zu den USA werden, brauche es laut DFKI vier Hebel: deutlich mehr Wachstumskapital; massive Investitionen in souveräne Rechenzentren, Energieversorgung und Chip-Infrastruktur; einen europäischen Binnenmarkt, der schneller skaliert, weniger fragmentiert und einheitlicher reguliert ist; sowie eine stärkere Nachfrage nach europäischen Lösungen in Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen.
Setzen sich europäische Anbieter wie die anvisierte deutsch-französische Initiative erfolgreich durch, dürfte sich die Einschätzung von Bitkom-Chef Bernhard Rohleder bewahrheiten: “Europäische KI-Anbieter müssen und können eine Alternative zu den globalen Playern der KI werden.”