Kanadas Kurs des Widerstands kann Preise in die Höhe treiben und Betriebe belasten. Dennoch könnte diese riskante Linie erfolgreicher sein als Europas dauerhaftes Einlenken.
Die Europäische Union hat deutlich mehr wirtschaftliche Schlagkraft als Kanada. Trotzdem ist Brüssel vor Donald Trumps Zollagenda zurückgewichen, während Ottawa standhält. Kanadas Premier Mark Carney macht klar, dass gezielte Gegenwehr Risiken birgt, Kapitulation auf lange Sicht aber noch kostspieliger ist.
Nachgiebigkeit bestätigt Trumps Machtsicht
Donald Trump versteht internationale Politik nicht als regelgebundenen Interessenausgleich, sondern als Machtprobe. Wer ihm entgegenkommt, darf daher nicht hoffen, damit seine Großzügigkeit zu gewinnen. Nachgeben zementiert vielmehr sein Weltbild: Der Stärkere bestimmt die Regeln, der Schwächere fügt sich.
Mark Carney hat Trumps politische Psychologie durchschaut: Wer Drohungen nachgibt, lädt zu weiteren Forderungen ein. Deshalb setzt Kanadas Premierminister auf präzise wirtschaftliche Gegenwehr. Ottawa hat bekanntgegeben, ab dem 8. September auf mehr als 700 US-Produkte Gegenzölle von 15, 25 oder 50 Prozent zu erheben. Das Volumen liegt bei 27,6 Milliarden kanadischen Dollar, umgerechnet knapp 20 Milliarden US-Dollar. Bei Stahl und Aluminium werden die bisherigen Zölle von 25 auf 50 Prozent verdoppelt. Betroffen sind zudem unter anderem Milchprodukte, Fisch und Meeresfrüchte, Haushaltsgeräte, Elektronik, Möbel, Kleidung sowie Erzeugnisse der Papier- und Agrarindustrie.
Kanadas Gegenwehr ist riskant, aber strategisch durchdacht
Kanada ist nach Mexiko der zweitwichtigste Handelspartner der Vereinigten Staaten. Beide Volkswirtschaften sind eng verflochten. Gerade deshalb ist der Konflikt riskant. Gegenzölle verteuern Importe und können die kanadische Inflation zusätzlich anheizen. Sie treffen nicht nur amerikanische Produzenten, sondern wirken auch wie eine Abgabe auf kanadische Verbraucher.
Carneys Regierung verschweigt diese Kosten nicht. Sie verbindet die Gegenmaßnahmen mit milliardenschweren Hilfen für Unternehmen und Beschäftigte und ruft die Bevölkerung dazu auf, gezielt kanadische Produkte zu kaufen. So wird politische Selbstbehauptung mit wirtschaftlicher Resilienz verknüpft.
Wesentlich ist, dass Ottawa nicht wahllos zurückschlägt. Die Liste der betroffenen Waren ist politisch kalkuliert. Käse aus Wisconsin, Fischereiprodukte aus Maine sowie Waschmaschinen und Trockner aus Kentucky treffen Bundesstaaten, in denen republikanische Politiker vor schwierigen Kongresswahlen stehen oder Trump besonders starken Rückhalt genießt.
Wirtschaftlicher Druck muss politisch zielgerichtet wirken
Damit richtet Kanada seine Reaktion nicht nur gegen abstrakte Handelsströme. Es übersetzt ökonomischen Druck in innenpolitische Kosten. Amerikanische Unternehmen, Arbeitnehmer und Abgeordnete sollen verstehen, dass Trumps Zollpolitik nicht ohne Folgen bleibt. Letztlich adressiert ist das politische System der Vereinigten Staaten.
Kanadas Stärke liegt nicht in einem größeren Wirtschaftspotenzial. Im Vergleich zur EU ist es der deutlich kleinere Akteur. Seine Stärke besteht im glaubwürdigen Willen, die eigene Handlungsfähigkeit zu nutzen. Europa hingegen leidet weniger unter einem Mangel an Macht als unter einem Mangel an politischer Entschlossenheit.
Anpassung bietet keinen Schutz vor Machtpolitik
Mark Carney hat das bereits im Januar in seiner Davoser Rede auf den Punkt gebracht. Die regelbasierte internationale Ordnung sei in ihrer bisherigen Form an ein Ende gelangt. Mittelmächte seien deshalb aber keineswegs machtlos. Gefährlich sei vielmehr der Versuch, durch Anpassung und Wohlverhalten Sicherheit und Frieden zu erkaufen.
Wer hinnimmt, dass Macht Recht ersetzt, fördert nicht den Frieden, sondern provoziert die nächste Machtdemonstration. Das gilt gegenüber narzisstischen Persönlichkeiten ebenso wie gegenüber Systemen, die sich um einen dominierenden Führer organisieren. Entgegenkommen wird dort nicht als moralische Größe verstanden, sondern als Schwäche gelesen.
Autoritäre und hegemoniale Ordnungen bestehen fort, weil andere Akteure sich den Erwartungen des Mächtigen fügen und dessen Narrative übernehmen. Ihre Macht beginnt jedoch zu bröckeln, sobald diese Anpassung verweigert wird.
Gegenwehr bedeutet deshalb nicht, Trump zu imitieren. Europa sollte weder in nationalistische Rhetorik verfallen noch einen unbegrenzten Handelskrieg anstreben. Es muss gesprächsbereit bleiben, zugleich aber deutlich machen, dass Verhandlungen nur auf der Grundlage von Gegenseitigkeit stattfinden können. Genau das ist Carneys Botschaft: Kanada ist zu Gesprächen bereit, aber nicht unter der Voraussetzung, dass seine Industrie wie die eines amerikanischen Anhängsels behandelt wird.
Freiheit braucht Regeln und Widerstandskraft
Europa sollte denselben Anspruch formulieren. Es ist kein wirtschaftlicher Vasall der Vereinigten Staaten. Seine Unternehmen, Arbeitnehmer und Verbraucher dürfen nicht dauerhaft schlechter gestellt werden, nur weil Washington bereit ist, bestehende Abhängigkeiten rücksichtslos als Druckmittel zu nutzen.
Kanadas Strategie ist nicht kostenlos. Aber Widerstand muss nicht sofort gewinnen, um wirksam zu sein. Er muss zunächst den Preis der Aggression erhöhen und deutlich machen, dass weitere Drohungen zusätzliche Gegenmaßnahmen auslösen. Nur wenn Trump auf politischen und wirtschaftlichen Widerstand trifft, entsteht ein Anreiz zu ernsthaften Verhandlungen.
Die Europäische Union hat mehr Einwohner, einen größeren Binnenmarkt, regulatorische Macht und erheblich mehr wirtschaftliche Ressourcen als Kanada. Wenn Ottawa trotz seiner viel stärkeren Abhängigkeit von den USA seine Souveränität verteidigen kann, kann Europa das erst recht. Es muss nur den Mut aufbringen, seine Macht auch einzusetzen.