Nach einem Rückgang von über 20 Prozent verdichten sich die Hinweise auf eine Erholung. Vier voneinander unabhängige Treiber sprechen für ein starkes zweites Halbjahr.
Gold hat Anlegerinnen und Anleger in diesem Jahr auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Nachdem der Gold-Future Ende Januar bei rund 5600 US-Dollar je Unze ein Allzeithoch erreichte, geriet das Edelmetall monatelang stark unter Druck. Zwischenzeitlich büßte Gold mehr als 20 Prozent an Wert ein und enttäuschte damit viele Investoren – trotz zahlreicher geopolitischer Spannungen. Eigentlich gilt Gold als traditioneller sicherer Hafen. Umso erstaunlicher war die Schwäche im ersten Halbjahr.
Carsten Stork ist Rohstoffspezialist mit über 25 Jahren Erfahrung im institutionellen Handel. Er gehört zu unserem Expertennetzwerk EXPERTS Circle.
Goldpreis gewinnt wieder an Dynamik
Dieses Bild hat sich in den vergangenen Wochen spürbar gewandelt. Seit dem Tiefpunkt Ende Juni legte der Goldpreis bereits etwa 14 Prozent zu. Auch wenn das Rekordhoch noch nicht zurückerobert ist, zählt vor allem der Strukturwandel am Markt: Nach der langen Korrektur sprechen nun wieder mehrere unabhängige Faktoren für die Fortsetzung des langfristigen Aufwärtstrends.
Aus charttechnischer Perspektive verlief die Korrektur nahezu lehrbuchhaft. Der Preis fiel genau in jene Zone zurück, aus der im Herbst des Vorjahres die starke Rally bis auf 5600 US-Dollar gestartet war. Diese frühere Ausbruchsmarke wurde erfolgreich getestet und behauptet. Solche Rückläufe an vormals harte Widerstände, die anschließend als Unterstützung fungieren, sind klassische Signale für einen intakten Bullenmarkt.
Saisonale Unterstützung ab August
Dazu kommt ein saisonaler Rückenwind. Historisch beginnt für Gold etwa ab der zweiten Augusthälfte eine der stärksten Phasen des Börsenjahres. Über Jahrzehnte hinweg zeigte sich bis in den Herbst eine überdurchschnittliche Entwicklung. Zwar wiederholt sich Geschichte nie eins zu eins, dennoch bieten saisonale Muster einen statistischen Vorteil, den Anleger nutzen können.
Mindestens ebenso interessant ist der Blick auf den Terminmarkt. Während der Spotpreis in den letzten Monaten deutlich nachgab, blieb das sogenannte Managed Money überraschend zuversichtlich.
Unter „Managed Money“ versteht man professionelle Spekulanten wie Hedgefonds, systematische Trendfolger und große Asset Manager. Gerade diese Akteure bewegen an den Terminbörsen oft die größten Kapitalströme.
Die Netto-Long-Bestände dieser Gruppe sanken lediglich von rund 250.000 auf knapp 200.000 Kontrakte. Von einer echten Kapitulation oder einem massiven Abbau bullischer Wetten kann also keine Rede sein. Vielmehr signalisiert dies, dass große Marktteilnehmer den langfristigen Aufwärtstrend trotz der Schwächephase weiterhin für intakt halten.
Zentralbanken als Stütze der Nachfrage
Noch entscheidender ist die fundamentale Nachfrage. Seit einigen Jahren treten Zentralbanken weltweit als mit Abstand wichtigste Käufer am Goldmarkt auf. Zwar werden die tatsächlichen Käufe oft nur verzögert oder unvollständig gemeldet. Umso wertvoller sind regelmäßige Analysen großer Investmentbanken, die zusätzliche Einblicke liefern.
Besonders ins Auge sticht die People’s Bank of China. Goldman Sachs geht davon aus, dass Chinas tatsächliche Goldkäufe deutlich höher sind als offiziell ausgewiesen. Neben den gemeldeten Zukäufen soll China über den Londoner OTC-Markt umfangreich einkaufen. Diese verdeckten Käufe könnten erklären, warum der physische Markt trotz zeitweise schwächerer Kurse außergewöhnlich gut unterstützt blieb.
Zentralbankkäufe bleiben hoch
Zugleich kursieren Spekulationen, dass einzelne Notenbanken mit angespannten Budgets zwischenzeitlich Gold abgegeben haben könnten – genannt wird unter anderem die Türkei. Ob und in welchem Umfang solche Verkäufe stattfanden, ist derzeit unklar. Klar ist jedoch: In Summe bewegen sich die weltweiten Zentralbankkäufe weiterhin auf außergewöhnlich hohem Niveau und stützen den Markt strukturell.
Ein weiterer, oft unterschätzter Punkt: Trotz der starken Performance der vergangenen Jahre spielt Gold im globalen Vermögensmix noch immer eine geringe Rolle. Gemessen am weltweiten Finanzvermögen entfallen laut World Council of Gold nur rund 2,7 Prozent auf privat gehaltenes Gold. Steigt dieser Anteil in den kommenden Jahren auch nur moderat, könnte das bereits eine erhebliche zusätzliche Nachfrage auslösen.
Vieles spricht für weiter steigende Goldpreise
Mehrere voneinander unabhängige Argumente sprechen aktuell für höhere Goldpreise: Das Chartbild hat sich deutlich aufgehellt, die saisonal stärkste Phase steht an, institutionelle Anleger bleiben trotz Korrektur überwiegend bullisch positioniert und Zentralbanken sorgen weiterhin für eine außergewöhnlich robuste strukturelle Nachfrage. Diese Kombination macht Gold derzeit zu einem der spannendsten Rohstoffe für das zweite Halbjahr.