Viele Anleger gehen davon aus, dass ein ETF die gesamte Wirtschaft abbildet. Tatsächlich verlagert sich jedoch immer mehr Wachstum in die Phase vor dem Börsengang.
Ein breit gestreuter Markt-ETF wie der MSCI World wirkt für viele wie die bequeme Komplettlösung: ein Produkt, viele Unternehmen, breite Diversifikation. So entsteht schnell der Eindruck, an der gesamten Wirtschaft beteiligt zu sein. Diese Annahme trifft heute jedoch weit weniger zu als noch vor 25 Jahren.
Robin Binder ist Finanzexperte und Gründer von NAO. Er gehört zu unserem Expertennetzwerk EXPERTS Circle.
Der Grund ist simpel: Die Börse ist geschrumpft. 1996 gab es in den USA noch rund 8100 gelistete Unternehmen, heute sind es je nach Zählweise nur noch etwa 4000 bis 4500. Eine Auswertung der Rotman School of Management kommt sogar zu dem Schluss, dass es mehrere Tausend börsennotierte Firmen weniger gibt, als man gemessen am Wirtschaftswachstum erwarten würde.
Auch in Europa wird seit Langem über den Rückgang von IPOs, Delistings und die Abwanderung wachstumsstarker Firmen diskutiert. Die Börse bleibt bedeutend, bildet aber nicht mehr automatisch die gesamte wirtschaftliche Dynamik ab.
Für Privatanleger ist das eine unbequeme Einsicht. Wer ausschließlich in klassische Aktienindizes investiert, beteiligt sich an Unternehmen, die den Schritt an die Börse bereits hinter sich haben – häufig größere, reifere Konzerne. Ein erheblicher Teil des Wachstums entsteht jedoch immer öfter außerhalb des öffentlichen Marktes.
Warum es heute weniger börsennotierte Unternehmen gibt
Dafür gibt es mehrere Ursachen:
- Regulierung: Nach Bilanzskandalen wie Enron und WorldCom verschärfte der Sarbanes-Oxley Act (2002) die Regeln für börsennotierte Firmen. Das stärkte das Vertrauen, machte eine Börsennotiz für kleinere Unternehmen jedoch teurer und oft unattraktiv.
- Privates Kapital: Früher mussten Wachstumsfirmen früh an die Börse, um viel Kapital aufzunehmen. Heute stehen Venture Capital, Private Equity, Staatsfonds und große Family Offices bereit. Unternehmen können jahrelang privat bleiben und dennoch Milliardenmittel einwerben.
- Konsolidierung: Viele gelistete Firmen verschwinden nicht wegen Misserfolg, sondern durch Übernahmen. M&A reduziert das öffentliche Anlageuniversum zusätzlich.
Unternehmen gehen später an den Markt
Entscheidender als die reine Zahl der Listings ist der Zeitpunkt des Börsengangs. Früher wagten viele Firmen vergleichsweise jung den Gang an die Börse, heute warten sie häufig deutlich länger – in der Tech-Branche oft zehn Jahre und mehr.
Das verändert die Verteilung der Renditen. Beispiel: Facebook ging 2012 an die Börse, war zu diesem Zeitpunkt bereits acht Jahre alt und rund 100 Milliarden Dollar wert. Der IPO öffnete also nicht den Zugang zu einem jungen Wachstumswert, sondern zu einem bereits sehr großen Unternehmen.
Für Anleger bedeutet das: Ein Teil der Wertschöpfung, die früher an öffentlichen Märkten entstand, findet heute im Vorfeld statt. Wer erst zum Börsengang investiert, erwirbt oft einen etablierten Konzern, der weniger dynamisch wächst als in den frühen Jahren.
Wo heute das Wachstum entsteht
Frühe Wachstumsphasen haben sich in private Märkte verlagert. Venture Capital finanziert junge, chancenreiche Unternehmen. Private Equity investiert in reifere Firmen, die skaliert, internationalisiert oder strategisch weiterentwickelt werden sollen.
Auch Private Credit gewinnt an Bedeutung: Fonds vergeben Kredite direkt an Unternehmen, statt dass diese zur Bank gehen. Gerade im Mittelstand kann das wichtig sein, wenn Banken vorsichtiger agieren.
Diese Anlageklassen waren lange fast ausschließlich Institutionellen zugänglich – Pensionskassen, Versicherern, Stiftungen oder sehr vermögenden Familien. Das ändert sich allmählich. In Europa eröffnen regulierte Strukturen wie ELTIFs (European Long-Term Investment Funds) neuen Zugang zu langfristigen Anlagen wie Private Equity, Private Debt oder Infrastruktur.
Was Privatanleger daraus ableiten sollten
Die wichtigste Botschaft: Behalten Sie Ihre ETFs. Ein global breit gestreuter Welt-ETF bleibt für viele eine sinnvolle Basis des langfristigen Vermögensaufbaus – liquide, transparent, kostengünstig und gut nachvollziehbar.
Gleichzeitig sollten Anleger verstehen, was ein ETF leistet – und was nicht. Er bildet börsennotierte Unternehmen ab, aber nicht automatisch die gesamte Wirtschaft. Je später Unternehmen an den Markt gehen und je größer die privaten Kapitalmärkte werden, desto mehr Wachstumschancen liegen außerhalb der Börse.
Wer langfristig investiert und breiter diversifizieren will, kann prüfen, ob ein begrenzter Teil des Portfolios auch außerhalb klassischer Börsenanlagen arbeiten soll. Klar ist aber: Private Markets sind eine Ergänzung. Sie ersetzen weder den Notgroschen auf dem Tagesgeld noch den liquiden Kern aus breit gestreuten Kapitalmarktanlagen.
Drei Grundsätze für Private Markets:
- Erstens, die Quote begrenzen: Für Privatanleger kann eine Obergrenze von etwa 20 Prozent des langfristigen Anlagevermögens in illiquiden alternativen Anlagen sinnvoll sein. Beim Einstieg empfiehlt sich ein niedrigerer Anteil.
- Zweitens, die Struktur prüfen: Wie lange läuft das Produkt? Wann ist eine Rückgabe möglich? Wie hoch sind die Gesamtkosten? Und wie erfahren ist der Asset-Manager?
- Drittens, gestaffelt investieren: Private Markets sind langfristig, und Strategien unterscheiden sich deutlich. Oft ist es sinnvoller, über mehrere Jahre kleinere Beträge zu investieren und verschiedene Jahrgänge, Strategien und Manager zu kombinieren, statt alles auf einmal anzulegen.
Wesentlich dabei: Illiquidität ist kein Nebenaspekt, sondern Kerneigenschaft. Wer in Private Markets investiert, sollte das Kapital über viele Jahre nicht benötigen. Im Gegenzug kann es eine zusätzliche Renditechance geben – garantiert ist sie nicht.
Die Börse bleibt zentral – aber sie ist nicht alles
Die Börse ist weiterhin einer der wichtigsten Orte für Vermögensaufbau, bildet jedoch längst nicht mehr die gesamte Wirtschaft ab. Diese Erkenntnis relativiert die einfache ETF-Logik, ohne sie zu entwerten. Ein ETF kann ein starker Kern bleiben – deckt heute aber einen kleineren und reiferen Teil der Wirtschaft ab als früher.
Daraus entsteht kein Zwang, wohl aber eine Frage: Reicht mir der öffentliche Markt allein, oder möchte ich langfristig auch in dem Bereich investiert sein, in dem Unternehmen wachsen, bevor sie an die Börse gehen?
Die Antwort hängt von Vermögen, Zeithorizont, Risikotragfähigkeit und Liquiditätsbedarf ab. Wer private Märkte nutzt, sollte dies strukturiert, begrenzt und mit klarem Verständnis für Kosten und Laufzeiten tun. Dann können sie eine sinnvolle Ergänzung und ein Baustein für breitere Diversifikation sein.
Die Quintessenz: Wer heute investiert wie vor 25 Jahren, investiert in eine andere Börse als damals. Das liegt nicht daran, dass ETFs nicht mehr funktionieren, sondern daran, dass ein wachsender Teil der Wirtschaft bereits vor dem Börsengang finanziert wird.