Rheinmetall: Investoren sehen über Schwächen hinweg
In den vergangenen Wochen und Monaten gab es für die Anlegerinnen und Anleger von Rheinmetall wenig Grund zur Freude. Nach einer langen Seitwärtsphase im Vorjahr ist die Aktie in einen Abwärtstrend übergegangen. Selbst geopolitische Entwicklungen wie der Beginn des Iran-Krieges brachten den Papieren der Düsseldorfer keinen Rückenwind, obwohl das Unternehmen mit dem Skyranger ein relevantes und kosteneffizientes Produkt zur Drohnenabwehr im Portfolio hat.
Nun hat Rheinmetall Zahlen für das abgelaufene Quartal vorgelegt. Angesichts der nach wie vor sehr hohen Bewertung fielen sie enttäuschend aus. Die Erlöse stiegen gegenüber dem Vorjahresquartal um 7,7 Prozent, blieben mit 1,94 Milliarden US-Dollar aber deutlich hinter den Erwartungen von 2,3 Milliarden Euro zurück. Bei der Marge wurden die Analystenziele lediglich knapp erreicht.
Für das zuletzt hinter den Erwartungen zurückgebliebene Wachstum machte das Management um CEO Armin Papperger vor allem Timing-Effekte verantwortlich – das Vergleichsquartal im Vorjahr sei von großen Vorzieheffekten geprägt gewesen. Gleichzeitig stellte Rheinmetall für die zweite Jahreshälfte eine Beschleunigung des Wachstums in Aussicht und verwies auf neue Produktionskapazitäten am Standort Murica in Spanien sowie die Übergabe vorproduzierter Fahrzeuge.
Aktie erholt sich – von einer Trendwende kann noch keine Rede sein
Aus charttechnischer Sicht gab es zwar keinen Befreiungsschlag, aber eine deutliche Entlastung. Die Papiere konnten sich von ihren jüngsten Tiefs lösen, womit die Wahrscheinlichkeit neuer 52‑Wochen‑Tiefs – und damit eines Verkaufssignals – spürbar gesunken ist. Auch die Marke von 1.400 Euro wurde als psychologisch wichtiger Anker zurückerobert.
Der Abwärtstrend bleibt jedoch bestehen. Zwar kletterte der MACD über seine Signallinie, signalisiert aber weiterhin einen abnehmend dynamischen Abwärtstrend. Der Relative-Stärke-Index RSI ist unterdessen in den neutralen Bereich zurückgekehrt, ohne daraus neue Impulse abzuleiten.
Finanziell hat die Konkurrenz mehr zu bieten
Ein Blick auf die Bewertung: Für 2026 und 2027 stehen beim erwarteten Gewinn Vielfache von 38,5 beziehungsweise 26 im Raum, das Verhältnis aus Unternehmenswert und operativem Ertrag (EV/EBITDA) wird von Analystinnen und Analysten auf 19,3 beziehungsweise 13,5 geschätzt. Damit ist Rheinmetall ausgesprochen teuer.
Internationale Wettbewerber werden für 2026 im Schnitt mit einem KGVe von 20,2 gehandelt. Besonders günstig erscheinen aktuell etwa Lockheed Martin (17,4) und Northrop Grumman (20,3). In der Fahrzeugsparte gibt es mit Oshkosh (13,4) sogar noch günstigere Werte, während im Marinebereich, in dem Rheinmetall ebenfalls aktiv ist, Huntington Ingalls mit einem KGVe 2026 von 20,9 notiert. Dieses Bild setzt sich nahezu über alle Bewertungskennzahlen fort.
Selbst das Auftragsbuch von 73 Milliarden Euro ist nicht außergewöhnlich – RTX kommt auf 271 Milliarden US-Dollar. General Dynamics, wo ein gut vergleichbares Geschäft mit landgestützten Systemen besteht, kommt auf Aufträge im Wert von 131 Milliarden US-Dollar. Auch hier ist zukünftiges Wachstum also weitgehend abgesichert.
Fazit: Rheinmetall ist kein Ausnahmefall – und sollte auch nicht so bepreist werden
Rheinmetall hat mit den Zahlen zum abgelaufenen Quartal enttäuscht, die Anlegerschaft aber mit der Aussicht auf eine Wachstumsbeschleunigung in der zweiten Jahreshälfte vertröstet. Das reichte für eine kräftige Kurserholung, die sich vorerst fortsetzen könnte.
Aus fundamentaler Sicht sollten Investoren steigende Kurse eher zum Ausstieg und zum Wechsel in andere Positionen nutzen. Auf dem aktuellen Bewertungsniveau bietet Rheinmetall deutlich weniger als die Konkurrenz – ohne gleichzeitig über klare Alleinstellungsmerkmale zu verfügen.
Autor: ARIVA.DE Redaktion/Max Gross