Viele Anleger befürchten, den Aufschwung der Ölaktien verpasst zu haben. Ein häufig übersehener Profittreiber könnte die Kurse jedoch auch weiterhin stützen.
Die großen internationalen Mineralölkonzerne befinden sich derzeit in einer Phase außergewöhnlicher Profitabilität. Exxon Mobil, Chevron, Shell, BP und TotalEnergies erzielten allein im zweiten Quartal rekordhohe operative Cashflows. Exxon Mobil und Chevron meldeten zusammen Quartalsgewinne von über 26 Milliarden US-Dollar. Parallel dazu haben die Aktien vieler Ölwerte in den vergangenen Wochen kräftig zugelegt.
Die zentrale Frage lautet nun: Ist der Zug bereits abgefahren oder bieten die Aktien der Branche weiterhin attraktives Aufwärtspotenzial?
Carsten Stork arbeitet seit über 25 Jahren im institutionellen Rohstoffhandel und ist ausgewiesener Experte. Er gehört zu unserem Expertennetzwerk EXPERTS Circle.
Aus meiner Perspektive spricht vieles dafür, dass der Energiesektor auch in den kommenden Monaten zu den spannendsten Branchen am Aktienmarkt zählen dürfte.
Ölpreise deutlich erholt
Haupttreiber ist die geopolitische Lage. Seit den Tiefständen Anfang Juli haben sich die Rohölpreise eindrucksvoll erholt. WTI notiert wieder über 80 US-Dollar je Barrel, Brent liegt bereits nahe 90 US-Dollar. Damit rückt die psychologisch wichtige Marke von 100 US-Dollar erneut in den Blick.
Wesentlich verantwortlich für diese Entwicklung ist die unvermindert angespannte Lage im Nahen Osten. Trotz zahlreicher diplomatischer Initiativen gibt es bislang keine tragfähige Lösung des Konflikts zwischen den USA und Iran. Im Gegenteil: Zuletzt schienen sich die Fronten eher zu verhärten.
Iran knüpft eine Wiederöffnung der Straße von Hormus an Bedingungen, die derzeit kaum akzeptabel erscheinen. Damit bleibt eines der zentralen Nadelöhre des globalen Ölhandels ein permanenter Unsicherheitsfaktor.
Raffineriemargen als zentraler Gewinnhebel
Oft übersehen wird dabei, dass der eigentliche Gewinnmotor der großen Ölkonzerne derzeit nicht allein der Rohölpreis ist.
Maßgeblich sind vielmehr die sogenannten Crack Spreads. Sie beschreiben die Differenz zwischen dem Preis von Rohöl und den daraus hergestellten Produkten wie Benzin, Diesel oder Heizöl. Genau diese Raffineriemargen sind in den vergangenen Monaten förmlich explodiert.
Zwar ist der Ölpreis deutlich gestiegen, doch die Preise für raffinierte Produkte haben sich noch stärker verteuert. Teilweise liegen die Crack Spreads wieder auf den höchsten Ständen seit Beginn der Krise und nähern sich in einzelnen Segmenten sogar neuen Rekorden.
Für integrierte Ölkonzerne wie Exxon Mobil, Chevron oder Shell ist das nahezu ein ideales Umfeld. Sie profitieren nicht nur von der Förderung, sondern zusätzlich von außergewöhnlich hohen Margen im Raffineriegeschäft. Genau diese Kombination erklärt die derzeit enormen Cashflows.
Politischer Druck wegen hoher Benzinpreise
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch das Verhalten von US-Präsident Donald Trump. Während er sich in den vergangenen Monaten regelmäßig zu Energiepreisen äußerte und auf niedrigere Benzinpreise drängte, ist es zuletzt auffallend ruhig geworden. Dabei dürften die kräftig gestiegenen Kraftstoffpreise der US-Regierung zunehmend Sorgen bereiten.
Für amerikanische Verbraucher sind Benzinpreise ein höchst sensibles politisches Thema und ein wichtiger Treiber der Inflation. Zudem stehen im November die „Midterm-Wahlen“ an. Zwei Punkte sind dem US-Wähler besonders wichtig: hohe Aktienkurse und niedrige Spritpreise.
Risiken bleiben begrenzt
Solange die Raffineriemargen auf hohem Niveau verharren und zugleich die geopolitischen Risiken bestehen, dürfte der Gewinnzyklus der großen Ölgesellschaften intakt bleiben. Selbst wenn der Rohölpreis zwischenzeitlich nachgibt, könnten die Unternehmen dank der außergewöhnlich hohen Downstream-Margen weiterhin stark profitieren.
Natürlich existieren Risiken. Sollten sich die USA und Iran überraschend auf eine umfassende Einigung verständigen, könnte ein erheblicher geopolitischer Risikoaufschlag aus dem Ölpreis fallen. Ebenso würden sinkende Crack Spreads die Ertragslage der Raffinerien belasten. Beide Szenarien erscheinen gegenwärtig jedoch wenig wahrscheinlich.
Energiesektor bleibt attraktiv
Mein Fazit fällt daher positiv aus. Nach der starken Kursentwicklung sind Ölaktien zwar keine klassischen Schnäppchen mehr. Die fundamentalen Rahmenbedingungen sprechen jedoch weiterhin klar für den Sektor.
Rekord-Cashflows, außergewöhnlich hohe Raffineriemargen, eine anhaltend angespannte geopolitische Lage und robuste Bilanzen ergeben ein attraktives Gesamtbild. Anleger sollten den Energiesektor deshalb auch nach der jüngsten Rallye im Blick behalten.
Vor allem die großen integrierten Mineralölkonzerne dürften bei anhaltend hohem Ölpreis und den derzeit außergewöhnlich profitablen Raffineriemargen auch in den kommenden Quartalen überdurchschnittlich abschneiden.