Der Rhein fällt auf bedenkliche Wasserstände. Fachleute warnen vor höheren Kosten und Produktionsstörungen in der deutschen Wirtschaft.
Die Wasserstände des Rheins gehen seit Wochen stetig zurück. In Duisburg-Ruhrort wurden am Dienstagmorgen 167 Zentimeter registriert – nur noch 14 Zentimeter über dem historischen Tiefstand vom Oktober 2018 mit 153 Zentimetern.
Bereits am kommenden Samstag könnte der Pegel auf 1,50 Meter fallen. Das sagt der Elektronische Wasserstraßen-Informationsservice (ELWIS) der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes (WSV) voraus.
„Das wäre ein großes Problem“, sagt Ocke Hamann, Geschäftsführer der Niederrheinischen Industrie- und Handelskammer (IHK) und fachpolitischer Sprecher für Verkehr und Mobilität der IHK in Nordrhein-Westfalen.
Höhere Transportkosten setzen die Industrie unter Druck
Aktuell dürfen die Frachtschiffe nur noch rund ein Drittel – teils sogar weniger – ihrer üblichen Ladung aufnehmen. „Ich brauche für die gleiche Menge Güter viel mehr Schiffe“, sagt Hamann. „Der Aufwand für den Transport und die Kosten steigen.“
Je nach Pegelstand erheben Reedereien einen „Kleinwasserzuschlag“ gegenüber der Industrie. Das führt zu zusätzlichen Ausgaben für Unternehmen und letztlich auch Verbraucher.
So haben sich die Frachtraten für Tankschiffe – etwa von Rotterdam nach Karlsruhe – im Juli nahezu verdreifacht: von etwa 45 Euro auf 120 bis 125 Euro je Tonne. Die Branche befürchtet Auswirkungen, die das Negativjahr 2018 noch übertreffen könnten.
Chemie- und Stahlsektor stark betroffen
Für die Wirtschaft habe das weitreichende Konsequenzen, sagt Hamann zu FOCUS online Earth. „2018 hat das Kieler Institut für Weltwirtschaft alleine durch das Niedrigwasser einen Rückgang im Wachstum von 0,4 Prozentpunkten ermittelt.“
Die Bundesregierung rechne in diesem Jahr lediglich mit 0,5 Prozent Wachstum, so der IHK-Sprecher. „Das heißt, dieses von der Bundesregierung eingeplante Wachstum kann, wenn das Niedrigwasser anhält, innerhalb von wenigen Wochen pulverisiert werden.“
Besonders Betriebe der Chemische Industrie, die Stahlproduktion, Mineralölverarbeitung oder Futtermittelherstellung trifft es laut Hamann hart. Sie nutzen die Wasserstraßen für große Mengen und extrem schwere Güter.
Auch der Containerverkehr ist nur eingeschränkt möglich. Gleichzeitig gibt es am Mittelrhein weniger Bahnkapazitäten; die rechte Rheinseite ist derzeit komplett gesperrt. Unter diesen Bedingungen befürchtet die IHK, dass einzelne Unternehmen ihre Produktion – wie schon 2018 – erneut drosseln müssen. „Man kann einen Chemiepark nicht von heute auf morgen mit dem LKW versorgen“, so Hamann.
Firmen rüsten sich für Versorgungsengpässe
Seit dem Rekordniedrigwasser 2018 ist die Industrie besser vorbereitet, erklärt der IHK-Sprecher. Viele Lager sind gut gefüllt. Allerdings hatte man derart niedrige Pegel und die daraus entstehenden Probleme in der Schifffahrt erst später im Jahr erwartet.
Das Problem in diesem Jahr ist daher der frühe Eintritt des Niedrigwassers: Vorräte könnten entsprechend früher schwinden.
Wie sich das Jahr weiter entwickelt, ist offen. Klar ist jedoch: Je länger das Niedrigwasser anhält, desto stärker steigen die Kosten. Der frühe Zeitpunkt sei ein „gravierendes Problem“, betont der Sprecher.
Geringe Wasserstände belasten die Frachtschifffahrt
Hamann sagt gegenüber FOCUS online Earth: „Wir müssen wir uns darauf vorbereiten, dass derartige Ereignisse häufiger auftreten. Die Unternehmen tun, was sie können und entwickeln etwa flachere Schiffe. Auch die Politik muss reagieren. Wir müssen unsere Flüsse resilienter machen. Das wenige Wasser muss den Schiffen besser bereitgestellt werden. Was wir uns vom neuen Bundesverkehrsminister Steffen Bilger wünschen, sind mehr Investitionen und ein schlüssiges Niedrigwasserkonzept für den Rhein.“
Die wirtschaftlichen Folgen sind bereits deutlich spürbar. Viele Frachtschiffe können wegen der geringen Wassertiefe nur noch mit 15 bis 20 Prozent ihrer üblichen Tragfähigkeit unterwegs sein, um Grundberührungen zu vermeiden.
Große Unternehmen haben schon Gegenmaßnahmen ergriffen. „Die anhaltende und sich verschärfende Niedrigwassersituation hat mittlerweile auch Auswirkungen auf die Versorgung unseres Duisburger Werkes mit Rohstoffen“, schreibt eine Sprecherin von Thyssen Steel auf Anfrage von FOCUS online Earth.
Die hauseigene Schubschifffahrt wurde wegen der niedrigen Pegel vorerst gestoppt. „Derzeit nutzen wir vorsorglich angemietete, externe Schiffe, die wegen ihres niedrigeren Tiefgangs auch bei den aktuellen Wasserständen eingesetzt werden können“, so die Sprecherin.
Da das Werk täglich rund 50.000 Tonnen Rohstoffe – vor allem Eisenerz und Kohle – benötigt, wurde die Hochofenproduktion vorsorglich leicht reduziert. Die Belieferung der Kunden sei „aktuell noch nicht gefährdet“, so die Sprecherin. „Die weitere Entwicklung und deren Auswirkungen auf Versorgung und Produktion werden fortlaufend im Rahmen unserer Task Force bewertet.“
Niedrigwasser behindert die Schifffahrt zusätzlich
Durch den geringen Wasserstand verengt sich die Fahrrinne zunehmend. Um Zusammenstöße zu vermeiden, weichen Schiffe in flachere Zonen aus und bleiben dort auf Sand- oder Kiesbänken hängen. In diesem Jahr sind bereits mehrere Frachter und Hotelschiffe auf Grund gelaufen und mussten geborgen werden – zuletzt in Bonn nahe der Kennedybrücke.
Um Risiken zu minimieren, stellte die Autofähre „Niederrhein“ von Dormagen-Zons nach Urdenbach vor zwei Wochen den Betrieb für zehn Tage ein – erstmals seit der Corona-Zeit.
Ein Aufsitzen auf einer Sandbank wollte niemand riskieren, erklärte die Niederrhein-Crew gegenüber FOCUS online Earth. Auch so sei der wirtschaftliche Schaden durch ausbleibende Pendler und Ausflügler erheblich, sagt ein Fährmann: „Wir rechnen mit Verlusten in einem hohen vierstelligen Betrag.“
Nach Baggerarbeiten am gegenüberliegenden Ufer in Urdenbach fährt die Fähre zwar seit dem 23. Juli wieder, doch gute Nachrichten gibt es kaum: „Das Polster, das wir uns vor Kurzem durch die Baggerarbeiten geschaffen haben, ist leider fast aufgebraucht. Wir versuchen natürlich, so lange wie nur irgendwie möglich für Euch zu fahren. Heute kommen wir noch durch – für morgen könnte es allerdings schon sehr eng werden“, warnen die Fährleute am Montagnachmittag über Facebook.