Moderna sprang nach positiven Studienergebnissen an einem einzigen Handelstag um 177 Prozent nach oben. Bei vier weiteren Biotech-Werten stehen nun Entscheidungen an, die ähnlich heftige Kursreaktionen auslösen könnten.
- Pharma und Biotech: Hier sehen Experten das nächste Kursfeuerwerk
- Summit Therapeutics: Goldman Sachs identifiziert den zentralen Kurstreiber
- BioNTech: Goldman positiv, Morningstar klar zurückhaltend
- Revolution Medicines: Der erste Kurssprung ist bereits erfolgt
- Zealand: Die Hoffnung auf geringere Nebenwirkungen
Für Anleger rückt damit fast zwangsläufig der Blick auf den möglichen nächsten Überraschungserfolg. Welche Firmen stehen vor einem entscheidenden Studienmeilenstein – und wo könnte ein Erfolg die Bewertung besonders stark verschieben?
Pharma und Biotech: Hier sehen Experten das nächste Kursfeuerwerk
Besonders groß ist der Hebel bei kleineren Biotech-Unternehmen. Deren Zukunft hängt häufig an wenigen Projekten – manchmal nur an einem einzigen Wirkstoff. Entsprechend stark schlagen Kursbewegungen aus, wenn neue Daten die Erfolgschancen grundlegend neu bewerten lassen.
In einem aktuellen Überblick hebt das US-Anlegermagazin „Barron’s“ vor allem Summit Therapeutics und Revolution Medicines hervor. Beide Firmen stehen vor Weichenstellungen, die ihre weitere Entwicklung maßgeblich beeinflussen könnten.
Summit Therapeutics: Goldman Sachs identifiziert den zentralen Kurstreiber
Bei Summit Therapeutics konzentriert sich derzeit fast alles auf ein Medikament: Ivonescimab. Der Antikörper soll das Immunsystem im Kampf gegen Krebs aktivieren und zugleich die Neubildung von Blutgefäßen im Tumor hemmen. In China lieferte diese Kombination bereits ermutigende Resultate. Nun muss Summit zeigen, dass sich diese in großen internationalen Studien bestätigen.
Dementsprechend hoch ist die Bedeutung der laufenden Phase-3-Studie. Laut „Barron’s“ zählt Goldman-Sachs-Biotech-Analystin Salveen Richter die anstehenden Resultate zu den zentralen Katalysatoren für Biotech-Aktien in diesem Jahr.
Fallen die Daten stark aus, hält sie einen Anstieg der Aktie auf 41 Dollar für realistisch. Sollte Summit selbst zum Übernahmekandidaten werden, seien ihrer Einschätzung nach sogar Kurse jenseits von 70 Dollar möglich.
Die jüngste Vergangenheit zeigt jedoch das Risiko: In einer frühen Zwischenanalyse der Phase-3-Studie erzielte Ivonescimab bei einer bestimmten Lungenkrebs-Form noch keinen statistisch signifikanten Vorteil. Die Aktie von Summit brach daraufhin um rund 25 Prozent ein.
Daina Graybosch von Leerink Partners, einer auf Gesundheitswerte spezialisierten US-Investmentbank, nannte die heftige Marktreaktion gegenüber „Investor’s Business Daily“ nachvollziehbar. Über den weiteren Ausgang der Studie bestehe weiterhin erhebliche Unsicherheit.
Im zweiten Halbjahr könnte es jedoch mehr Gewissheit geben: Dann erwartet Summit die entscheidende Auswertung für Patienten mit Plattenepithel-Lungenkrebs. Zudem steht eine weitere Schlüsselentscheidung an: Bis zum 14. November 2026 will die FDA über die Zulassung von Ivonescimab in Kombination mit Chemotherapie bei einer anderen Form des nicht-kleinzelligen Lungenkrebses entscheiden.
BioNTech: Goldman positiv, Morningstar klar zurückhaltend
Auch bei BioNTech dürfte 2026 zeigen, ob aus dem Covid-Erfolg ein großer Onkologie-Anbieter wird. Anders als Summit setzt das Mainzer Unternehmen jedoch nicht nur auf einen einzelnen Kandidaten.
BioNTech rechnet in diesem Jahr mit mehreren wichtigen Onkologie-Daten. Dazu zählen Phase-3-Ergebnisse zu „BNT113“ bei Kopf-Hals-Tumoren, „Gotistobart“ bei Lungenkrebs sowie „Trastuzumab Pamirtecan“ (T-Pam) bei Brustkrebs.
Goldman Sachs sieht darin großes Potenzial. Die Bank hob BioNTech bereits im Januar von „Neutral“ auf „Kaufen“ hoch und erhöhte das Kursziel von 115 auf 142 Dollar. Nach Angaben des US-Finanzdienstes „The Fly“ sehen die Analysten BioNTech „im Zentrum bedeutender Entwicklungen“ in der Onkologie.
Vor allem die Kombination neuer Immuntherapien mit sogenannten Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten könnte der Bank zufolge neue Therapieoptionen eröffnen.
Wie risikoreich die Pipeline dennoch bleibt, zeigt die Gegenposition von Morningstar-Analyst Jay Lee. Morningstar taxierte den fairen Wert der BioNTech-Aktie im Mai auf lediglich 76 Dollar und stuft die Unsicherheit als „sehr hoch“ ein. Aus Sicht des Analysehauses ist die Aktie leicht überbewertet.
Bei BioNTech stehen somit mehrere Datenpunkte an, die das Gesamtbild verändern können. Im Unterschied zu Summit verteilt sich das Risiko jedoch auf eine deutlich breitere Pipeline.
Revolution Medicines: Der erste Kurssprung ist bereits erfolgt
Wie stark ein einzelner Wirkstoff den Unternehmenswert verschieben kann, zeigt Revolution Medicines. In der Phase-3-Studie überlebten Patienten mit metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs unter Daraxonrasib im Median 13,2 Monate – gegenüber 6,7 Monaten in der Vergleichsgruppe.
Analysten von BMO Capital Markets sprechen laut „MarketWatch“ von einem „klaren Überlebensvorteil“ bei einer Krebsart, in der es lange kaum Fortschritte gab. Die Experten von Leerink Partners halten allein im Einsatz bei metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs Umsätze in der Spitze von rund 7,6 Milliarden Dollar pro Jahr für möglich.
Ein beträchtlicher Teil dieser Erwartungen scheint jedoch bereits eingepreist. Die Analysten von Bernstein argumentieren, ein erheblicher Anteil des künftigen Umsatzpotenzials der Pipeline sei schon im Kurs reflektiert.
Trotzdem bleibt die Pipeline richtungsweisend: Die FDA prüft den Zulassungsantrag für Daraxonrasib bei Bauchspeicheldrüsenkrebs, zusätzlich läuft eine Phase-3-Studie bei Lungenkrebs.
Zealand: Die Hoffnung auf geringere Nebenwirkungen
Einen anderen Milliardenmarkt peilt Zealand Pharma an. Gemeinsam mit Roche, einem der größten Pharmakonzerne der Welt, entwickelt das dänische Biotechunternehmen das Abnehmpräparat Petrelintide. Der Wirkstoff soll nicht nur beim Gewichtsverlust unterstützen, sondern vor allem besser verträglich sein als viele bisherige Abnehmspritzen.
Genau hier sieht HSBC-Analyst Rajesh Kumar laut Reuters aktuell eine der größten offenen Chancen im Abnehmmarkt. Verträglichkeit sei der zentrale ungedeckte Bedarf. Patientinnen und Patienten bräuchten nicht zwingend über 20 Prozent Gewichtsverlust – entscheidend seien eine wettbewerbsfähige Wirkung, gute Verträglichkeit und eine langfristig praktikable Anwendung.
Beim bisher erzielten Gewichtsverlust liegt Petrelintide allerdings hinter einigen Wettbewerbern. Morningstar-Analystin Karen Andersen erklärte Reuters im März, die Wirksamkeit liege klar unter den Daten zu Eli Lillys konkurrierendem Amylin-Kandidaten Eloralintide. Direkte Vergleiche seien wegen unterschiedlicher Teilnehmerprofile jedoch schwierig.
Auch beim Kurs gehen die Meinungen auseinander: Jefferies bekräftigte im Juni eine Kaufempfehlung mit einem Ziel von 505 dänischen Kronen. Die Deutsche Bank bleibt hingegen bei „Halten“ und 300 Kronen. Analyst Emmanuel Papadakis begründet die vorsichtige Haltung unter anderem mit langen Zeiträumen bis zur möglichen Vermarktung und zuletzt holprigen Pipelineentwicklungen.
Noch im zweiten Halbjahr werden Daten einer weiteren Phase-2-Studie bei Typ-2-Diabetes erwartet. Zudem soll Petrelintide in die Phase 3 wechseln. Wie stark solche Studienergebnisse Kurse bewegen können, hat Moderna gerade eindrucksvoll vorgeführt – derselbe Mechanismus gilt jedoch auch in die Gegenrichtung.
Je stärker der Unternehmenswert an einzelnen Studien hängt, desto größer ist nicht nur die Chance auf einen Kurssprung, sondern ebenso das Risiko eines deutlichen Rückschlags.