Ein Krypto-Bot kassierte jahrelang Millionen mit umstrittenen „Sandwich”-Manövern. Jetzt erwischte es ihn selbst: 7,5 Millionen US-Dollar Verlust – aus purer Gier.
Er galt als einer der „erfolgreichsten Krypto-Diebe” im dezentralen Krypto-Handel – und wurde nun selbst zum Ziel. Der Bot mit dem Spitznamen „Jaredfromsubway.eth” zog Anlegern über Jahre hinweg systematisch Geld ab. Am vergangenen Wochenende schlug ein Angreifer zu und räumte mehr als 7,5 Millionen US-Dollar ab. Ironischerweise wurden ausgerechnet jene Automatisierungen, die dem Bot hundertfach Millionen eingebracht, zu seiner Falle.
Angriff auf den Krypto-Bot: Was ist geschehen?
Hinter „Jared” steckt ein sogenannter MEV-Bot. MEV bedeutet „Maximal Extractable Value” – also der maximale Wert, der sich aus der cleveren Neuordnung von Transaktionen ziehen lässt. Solche Programme scannen unbestätigte Transaktionen im Netzwerk und arrangieren sie zu ihrem Vorteil neu. Brancheninsider sprechen von einer „unsichtbaren Steuer” auf den DeFi-Handel.
Der Angreifer kehrte das Prinzip um. Nach Angaben der Sicherheitsfirma Blockaid handelte es sich um eine gezielte „Honeypot”-Falle, die die automatische Logik solcher Bots ausnutzt. Über mehrere Wochen legte der Täter 66 Fake-Token-Verträge an, die bekannte Coins wie Wrapped Ether, USDC und Tether täuschend echt imitierten – inklusive fingierter Liquiditätspools. Diese Setups sahen nach extrem lukrativen Deals aus, genau den Trades, auf die „Jared” ausgerichtet war.
Der Bot tat, wofür er programmiert war: Er erteilte vom Angreifer kontrollierten Helper-Verträgen die Berechtigung, Gelder in seinem Namen zu bewegen. Damit übergab er unbewusst die Schlüssel zu seiner eigenen Treasury. In einer einzelnen Transaktion aktivierte der Angreifer daraufhin alle 66 Hintertüren und leerte die Bestände. Ein Teil der Summe wurde bereits über den Mixer Tornado Cash verschleiert – ein gängiges Tool, um Geldflüsse zu tarnen.
Wie funktioniert die Sandwich-Methode?
„Jared” wurde vor allem durch eine Taktik berüchtigt: die Sandwich-Attacke. Der Ablauf: Plant ein Anleger einen größeren Swap auf einer dezentralen Börse, ist diese Order kurz sichtbar, bevor sie ausgeführt wird. Der Bot platziert blitzschnell eine eigene Kauforder davor, treibt damit den Preis, und verkauft direkt nach dem Trade des Opfers wieder. Das Geschäft des Anlegers wird zwischen zwei Bot-Orders „eingeklemmt” – wie der Belag im Sandwich. Den Aufpreis trägt der nichtsahnende Trader.
Die Dimensionen sind erheblich: Zwischen November 2024 und Oktober 2025 soll „Jared” für rund 70 Prozent aller Sandwich-Angriffe auf Ethereum verantwortlich gewesen sein. Analysten zählten monatlich 60.000 bis 90.000 solcher Vorfälle. Der jährliche Schaden für Anleger wird auf etwa 60 Millionen US-Dollar geschätzt. Selbst Ethereum-Mitgründer Vitalik Buterin geriet im Mai – wenn auch nur bei einem Kleinst-Trade – ins Visier des Bots.
Legitimer Handel oder Marktmanipulation?
Hier wird es knifflig. Nicht jede Form von MEV ist schädlich: Arbitrage, die Preisunterschiede zwischen Börsen ausgleicht, oder die Abwicklung von Krediten kann hilfreich sein und die Markteffizienz erhöhen. Sandwich-Angriffe hingegen schaffen keinen Mehrwert – sie ziehen vor allem Privatanlegern Geld aus der Tasche.
Rechtlich bewegt sich das Thema in einer schrumpfenden Grauzone. Bisher war MEV in vielen Ländern kaum reguliert. Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA stufte jedoch bereits 2025 Sandwich-Angriffe und schädliches „Frontrunning” als potenzielle Marktmanipulation unter der EU-Verordnung MiCA ein. Mit dem Ende der MiCA-Übergangsfrist am 1. Juli 2026 rückt das Thema bei den Aufsehern ganz nach oben. Juristische Daumenregel: Solange niemand konkret geschädigt wird, ist MEV schwer angreifbar – sobald gezielt Anleger belastet werden, drohen Konsequenzen.
Welche Lehren können Anleger ziehen?
Der Fall verdeutlicht zweierlei. Erstens: Selbst hochspezialisierte, vollautomatisierte Systeme sind angreifbar – oft ausgerechnet durch die Logik, die sie profitabel macht. Zweitens, und wichtiger: Wer auf dezentralen Börsen handelt, ist diesen Mechanismen nicht wehrlos ausgeliefert.
Konkret hilft es, die Toleranz für Kursabweichungen („Slippage”) niedrig zu wählen, statt sie großzügig zu setzen. Große Orders lassen sich in kleinere Tranchen aufteilen, um weniger angreifbar zu sein. Zudem existieren Börsen und sogenannte private Transaktionspfade, die Orders verschlüsseln oder gar nicht öffentlich sichtbar machen – und damit die Angriffsfläche für Bots reduzieren.
Die wichtigste Einsicht ist jedoch allgemeiner Natur: Im Krypto-Markt frisst nicht nur der Große den Kleinen – auch der vermeintlich Übermächtige kann stürzen, mitunter an der eigenen Gier.