Der Konzern will seine Ausgaben spürbar verringern. Dafür rücken nun auch Arbeitszeitregelungen, mobiles Arbeiten und tarifliche Extras in den Fokus des Managements.
Mercedes-Benz steht nicht vor einer Sanierung, doch die einstige Gewinnmaschine läuft ins Stocken. 2025 erzielte der Konzern ein operatives Ergebnis von 8,2 Milliarden Euro. Im ersten Quartal 2026 schrumpfte das Ergebnis vor Zinsen und Steuern auf 1,9 Milliarden Euro. Die bereinigte Rendite der Pkw-Sparte lag nur noch bei 4,1 Prozent. Gleichzeitig verfügte das Industriegeschäft Ende März über eine Nettoliquidität von 33,8 Milliarden Euro.
Akuter Geldmangel besteht damit nicht. Das Problem ist vielmehr eine für einen Premiumhersteller zu niedrige Marge. Zusätzlich belasten der starke Absatzeinbruch in China, hohe Kosten an deutschen Standorten und teure Anläufe neuer Modelle.
Der Sparkurs soll daher nicht länger nur Material- und Verwaltungsausgaben treffen. Mittlerweile ist die Belegschaft im Fokus: Arbeitszeit, Sonderzahlungen und Homeoffice stehen zur Disposition.
Mercedes: Kürzungen für Beschäftigte werden greifbar
Mit dem Programm „Next Level Performance“ will Mercedes die Kostenbasis dauerhaft verschlanken. Bis 2027 sollen die Produktionskosten pro Fahrzeug gegenüber 2024 um zehn Prozent sinken.
Auch die Personalkosten sollen zurückgehen. Geplant sind weniger Managementposten, die Auslagerung nicht-essenzieller Aufgaben und eine verstärkte Beschaffung aus kostengünstigeren Ländern.
In Deutschland stehen vor allem vier Schritte im Fokus:
- Sonderzahlung: Rund 90.000 Beschäftigte erhalten den tariflichen Transformationsbaustein nicht wie ursprünglich im Juli 2026. Die Zahlung von 18,4 Prozent eines Monatsentgelts wird auf das Folgejahr verschoben.
- Arbeitszeit: Das Management will über eine Ausweitung der tariflichen 35-Stunden-Woche auf 40 Stunden ohne Lohnausgleich verhandeln.
- Homeoffice: Nach Angaben des Betriebsrats wird eine Rückkehr zu fünf Präsenztagen pro Woche erwogen.
- Standorte und Funktionen: Mercedes prüft zusätzliche Verlagerungen und will Prozesse, Verwaltung sowie Führungsstrukturen weiter verschlanken.
Der Vorstand verweist zur Begründung auf im internationalen Vergleich hohe Arbeitskosten. Mehr Wochenstunden bei unverändertem Monatsentgelt senkten rechnerisch die Kosten pro Arbeitsstunde.
Ob dadurch tatsächlich mehr Fahrzeuge gebaut werden, bleibt offen. Zusätzliche Arbeitszeit hilft nur, wenn Werke und Entwicklung ausreichend ausgelastet sind.
IG Metall sieht vertragliche Rechte angegriffen
Für die IG Metall handelt es sich nicht um eine gewöhnliche Sparrunde. Die Gewerkschaft betrachtet 35-Stunden-Woche, tarifliche Sonderzahlungen und bestehende Arbeitsmodelle als hart erkämpfte Rechte.
Anfang Juli gingen laut Gewerkschaftsangaben mehr als 33.000 Beschäftigte an deutschen Mercedes-Standorten auf die Straße.
IG-Metall-Chefin Christiane Benner kritisierte insbesondere die Lastenverteilung: „Hallo Management: So läuft es nicht! Während Aktionäre mehr als ordentlich profitieren, sollen die Beschäftigten ihre vertraglich festgeschriebenen Rechte opfern? Sicher nicht!“
Hinter der Kritik steht ein grundsätzlicher Interessenkonflikt: Mercedes zahlt weiterhin Ausschüttungen an Anteilseigner und führt ein Aktienrückkaufprogramm durch.
Gleichzeitig verlangt das Management von der Belegschaft Zugeständnisse bei Arbeitszeit und Tarifleistungen. Aus Sicht der Gewerkschaft entsteht so der Eindruck, dass die Beschäftigten einen überproportionalen Beitrag zur Anpassung leisten sollen.
Auch Barbara Resch, Bezirksleiterin der IG Metall in Baden-Württemberg, weist die Verantwortung für die Probleme zurück: „Die Beschäftigten haben Mercedes groß gemacht, und jetzt sollen sie die Zeche für Fehlentscheidungen im Vorstand zahlen.“
Die Gewerkschaft fordert stattdessen mehr Investitionen in Fahrzeuge, Software, Standorte und Qualifizierung. Ihr Punkt: Niedrigere Arbeitskosten verbessern kurzfristig die Rechnung, ersetzen aber weder gefragte Modelle noch wettbewerbsfähige Technologie.
Betriebsrat warnt vor schwindendem Vertrauen
Ähnlich äußert sich Gesamtbetriebsratschef Ergun Lümali. Er lehnt eine pauschale Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnerhöhung ab. Angesichts teils geringer Auslastung der deutschen Werke sei das nicht zielführend.
Dazu kommt eine tarifrechtliche Hürde: Eine dauerhafte Verschlechterung der Tarifarbeitszeit kann der Betriebsrat nicht allein beschließen. Dafür sind IG Metall und Arbeitgeberverband zuständig.
Lümali beschreibt zudem die Wirkung der Debatte im Unternehmen: „Das Vorgehen des Unternehmens verunsichert und demotiviert viele Kolleginnen und Kollegen massiv.“
Die geplante Einschränkung des mobilen Arbeitens verschärft die Lage. Laut internem Schreiben vermisst der Betriebsrat bei der Prüfung von fünf Präsenztagen Verlässlichkeit und Transparenz. Mercedes entgegnet, persönliche Zusammenarbeit vor Ort könne die Leistungsfähigkeit steigern.
Beide Seiten haben Einfluss, aber keine vollständige Handlungsfreiheit. Der Vorstand kann Sparprogramme anstoßen und Investitionen verschieben. Arbeitszeiten und viele Entgeltbestandteile sind jedoch tariflich oder betrieblich fixiert. Ohne Gewerkschaft und Betriebsrat lassen sich die tiefgreifendsten Schritte kaum dauerhaft durchsetzen.
China bleibt das zentrale wirtschaftliche Problem
Der Konflikt mit der Belegschaft ist nur die sichtbare Folge eines tieferen Themas. Im zweiten Quartal 2026 setzte Mercedes-Benz Cars weltweit 417.800 Fahrzeuge ab – acht Prozent weniger als im Vorjahr. In China brach der Absatz um 30 Prozent ein, während die Verkäufe in Europa um vier Prozent und in den USA um zehn Prozent zunahmen.
Besonders der chinesische Markt setzt Mercedes zu: Dort konkurriert der Hersteller mit Anbietern, die Fahrzeuge schneller entwickeln, Software stärker integrieren und neue Modelle oft günstiger anbieten.
Mercedes reagiert mit lokal entwickelten Modellen, Technologiepartnerschaften in China und einer regionalisierteren Lieferkette. Der Erfolg dieser Strategie ist bislang jedoch begrenzt.
Rückenwind bringen die E-Verkäufe: Im zweiten Quartal legten die Auslieferungen batterieelektrischer Autos und Vans um 50 Prozent zu. Neue Modelle wie der elektrische CLA, GLC und GLB sollen in der zweiten Jahreshälfte zusätzliche Nachfrage generieren.
Deutsche Werke stehen stärker im Wettbewerb mit Ungarn
Parallel verschärft Mercedes den internen Standortwettbewerb. Die Kapazität der deutschen Pkw-Werke soll perspektivisch bei rund 900.000 Fahrzeugen liegen.
Das Werk Kecskemét in Ungarn kann künftig bis zu 400.000 Fahrzeuge fertigen. Niedrige Standortkosten und flexible Modellvergaben steigern dort die Attraktivität.
Für die deutschen Beschäftigten ist die Arbeitszeitdebatte daher eng mit der Standortfrage verknüpft. Der Vorstand will belegen, dass in Deutschland günstiger und schneller produziert werden kann. Betriebsrat und Gewerkschaft fordern im Gegenzug verbindliche Produktzusagen und Investitionen.
Zahlen kommen am 28. Juli
Am 28. Juli legt Mercedes die vollständigen Zahlen für das zweite Quartal vor. Im Fokus dürften dann die Pkw-Marge, der freie Cashflow und die Kosten der neuen Modelle stehen.
Der Sparkurs kann die Kosten kurzfristig drücken, löst aber die Kernprobleme nicht automatisch. Mercedes muss in China wieder wettbewerbsfähig werden, neue Modelle zügig hochfahren und die deutschen Werke auslasten. Bleibt das aus, dürfte der Konflikt mit der Belegschaft anhalten.
„Arbeiter zahlen für Verbrennerverbot, Bürokratie und vermurkste Energiewende”