Investieren an der Börse ist komplex. Statt um Garantien geht es um Wahrscheinlichkeiten. Hier finden Sie einige hilfreiche Tipps.
Viele Marktteilnehmer fürchten Inflation, Zinsen oder geopolitische Spannungen. Ihr größter Gegner ist jedoch ihr eigenes Denken. An den Finanzmärkten zählen weniger Gewissheiten als Wahrscheinlichkeiten.
Bei der Beurteilung solcher Risiken stützen sich Anleger oft eher auf ihr Bauchgefühl als auf Statistik. Denn probabilistisches Denken fällt uns schwer. Unser Gehirn erkennt Gefahren hervorragend – Wahrscheinlichkeiten schätzt es dagegen schlecht ein.
Christian Hesse, Jahrgang 1960, zählt zu den international renommiertesten deutschen Mathematikern. Er promovierte in Harvard, lehrte in Berkeley und wurde im Alter von 30 Jahren als Professor an die Universität Stuttgart berufen. Seine Forschung umfasst Wahrscheinlichkeitstheorie, Statistik und Datenanalyse mit Bezügen zu Wirtschaft, Finanzwesen und Gesundheit. Hesse ist Autor von über 20 Büchern und seit Oktober 2024 Adjunct Professor an der Hertie University of Governance in Berlin; an der Universität Stuttgart ist er im Ruhestand.
Teure Fehlentscheidungen als Folge unserer Instinkte
Über Jahrtausende war das kein Nachteil: Wer hinter jedem Rascheln im Gebüsch ein Raubtier vermutete, überlebte eher als jemand, der erst Wahrscheinlichkeiten kalkulierte. An der Börse führt derselbe Reflex jedoch regelmäßig zu kostspieligen Fehlgriffen. Besonders tückisch ist ein Denkfehler bei der Bewertung von Renditen.
Stellen Sie sich eine Anlage vor, die jährlich mit gleicher Wahrscheinlichkeit entweder 40 Prozent zulegt oder 30 Prozent verliert. Viele folgern: Der Durchschnitt liegt bei plus fünf Prozent, also sollte sie langfristig Gewinn bringen. Klingt logisch – ist aber falsch.
Denn: Steigt ein Depot zunächst von 100 auf 140 Euro und fällt danach um 30 Prozent, bleiben nur 98 Euro: 100 mal 1,4 mal 0,7 ergibt 98. Trotz positiver Durchschnittsrendite entsteht also ein Verlust.
Vermögen wächst multiplikativ, nicht additiv
Die Ursache ist simpel: Wir denken additiv. Vermögen entwickelt sich jedoch multiplikativ – dank Zinseszinseffekt sowie prozentualer Gewinne und Verluste, die stets auf dem bereits erreichten Kapital basieren. Renditen werden nicht addiert, sondern nacheinander multipliziert.
Daher bestimmt langfristig nicht das arithmetische, sondern das geometrische Mittel den Vermögenszuwachs. Das Beispiel verdeutlicht einen Grundsatz der Geldanlage: Entscheidend ist nicht nur die durchschnittliche Rendite, sondern auch die Schwankungsbreite auf dem Weg dorthin.
Eier-Analogie: Warum breite Streuung funktioniert
Noch anschaulicher wird es mit einem zweiten Bild. Sie besitzen vier wertvolle Eier. Liegen alle in einem Korb und beträgt dessen Verlustwahrscheinlichkeit 25 Prozent, dann liegt auch die Chance, alle Eier zu verlieren, bei 25 Prozent.
Verteilen Sie die vier Eier hingegen auf vier unabhängige Körbe mit jeweils 25 Prozent Verlustwahrscheinlichkeit, bleibt der erwartete Durchschnittsverlust zwar gleich, doch das Risiko eines Totalverlusts sinkt drastisch.
Die Wahrscheinlichkeit, alle Eier zu verlieren, fällt auf 0,39 Prozent – also auf weniger als ein Sechzigstel. Darum gehört breite Diversifikation zu den wichtigsten Regeln erfolgreicher Geldanlage.
„An der Börse gibt es keinen Gerechtigkeitssinn“
Weitere Denkfehler kommen hinzu: Beim Spielerfehlschluss erwarten viele nach mehreren Verlusttagen zwingend eine Gegenbewegung. Nach langer Rally rechnen sie fast automatisch mit einem Einbruch. Doch die Börse folgt keinem Gerechtigkeitsprinzip. Vergangene Kurse verpflichten künftige nicht zu Ausgleichsbewegungen.
Ebenfalls trügerisch ist die Verfügbarkeitsheuristik: Spektakuläre Ereignisse brennen sich ein und wirken dadurch viel wahrscheinlicher, als sie tatsächlich sind.
Nach dem Corona-Crash im Frühjahr 2020 hielten viele Privatanleger einen weiteren massiven Einbruch für nahezu sicher und verkauften. Die überraschend rasche Erholung der Märkte verpassten sie daraufhin. Nicht nüchterne Statistik, sondern die Angst vor dem nächsten Crash bestimmte ihre Entscheidung.
Warum unser Börsen-Bauchgefühl häufig irrt
Die Wahrscheinlichkeitstheorie erklärt, weshalb Intuition oft fehlleitet. Einzelne spektakuläre Ereignisse sagen langfristig erstaunlich wenig aus. Entscheidend ist, wie sich viele kleine Entscheidungen über viele Jahre kumuliert auswirken.
Erfolgreiche Anleger versuchen daher nicht, den nächsten Crash zu timen. Sie strukturieren ihr Depot so, dass sie unerwartete Rückschläge gelassen aussitzen können.
Zwei Fragen für klügere Anlageentscheidungen
Hier ein praktischer Ansatz: Bevor Sie investieren, beantworten Sie zwei einfache Fragen.
- Erstens: Wie oft ist das Ereignis, vor dem Sie sich fürchten, in der Vergangenheit tatsächlich eingetreten? Häufig reicht eine grobe Überschlagsrechnung. Ein Blick in die Historie zeigt schnell: Rückgänge von mehr als 30 Prozent sind relativ selten.
- Zweitens: Betrachten Sie nicht nur die erwartete Rendite, sondern immer auch deren Schwankungen. Profis fassen es kurz zusammen: Hohe Volatilität kostet langfristig Rendite. Je stärker die Schwankungen, desto niedriger fällt bei gleichem Durchschnittsertrag die geometrische Rendite aus.
Die Börse ist kein Ort, an dem stets die Klügsten gewinnen. Sie belohnt auf Dauer auch nicht diejenigen, die punktuell am besten vorhersagen. Mathematik ist an der Börse nicht deshalb hilfreich, weil sie die Zukunft kennt, sondern weil sie uns vor Irrtümern in der Gegenwart schützt.