Neukunden werden mit bis zu 4,25 Prozent aufs Tagesgeld geködert. Nach wenigen Monaten fallen die Zinsen jedoch häufig deutlich. Treue Sparer profitieren bislang kaum vom Wettbewerb.
Mit Blick auf mögliche weitere Leitzinserhöhungen zahlen Banken in Deutschland derzeit so attraktive Zinsen auf Tages- und Festgeld wie seit Langem nicht. Zwischen Digitalbanken wie Trade Republic, etablierten Instituten und ausländischen Anbietern, die in den deutschen Markt drängen, ist ein harter Wettbewerb um Einlagen entbrannt. Das nützt Sparern, erfordert jedoch Aufmerksamkeit bei den Details.
Laut einer Auswertung des Vergleichsportals Verivox bieten aktuell mindestens elf Banken zeitlich befristet mehr als 3,5 Prozent, wenn ein neues Tagesgeldkonto eröffnet wird. Bis Mitte Mai gab es demnach überhaupt keine Offerten in dieser Größenordnung. „Die Banken werben intensiv um neue Tagesgeldkunden“, heißt es in der Studie, die Zinsen von über 800 Banken und Sparkassen untersucht hat. „Der Wettbewerb an der Marktspitze verschärft sich spürbar.“
Die britische Digitalbank Revolut führt beim Tagesgeldzins das Ranking an. Neukunden erhalten dort bis zu vier Monate 4,25 Prozent, allerdings an mehrere Bedingungen geknüpft. Ebenfalls attraktiv: 4,1 Prozent bei der Renault Bank und 4,0 Prozent bei Chase, dem deutschen Ableger von J.P. Morgan, jeweils für vier Monate. Die niederländische Ayvens Bank bietet ebenfalls 4,0 Prozent, jedoch nur für drei Monate.
Banken setzen auf Folgegeschäfte nach dem Tagesgeld
Der Rückenwind kommt von gestiegenen Renditen am Kapitalmarkt, etwa bei Staatsanleihen, und der Erwartung weiterer EZB-Zinsschritte. Angesichts der durch den Iran-Krieg angefachten Inflation dürfte die Notenbank den Einlagenzins am Donnerstag auf 2,5 Prozent anheben – das ist der Satz, den Banken für geparkte Mittel bei der EZB erhalten. Einige Institute reichen bessere Konditionen an Kunden weiter, was sich insbesondere in Lockangeboten zeigt.
Die Strategie dahinter: Während sogenannte „Zinshopper“ regelmäßig wechseln, um Top-Sätze mitzunehmen, verbleibt ein großer Teil der Kundschaft langfristig beim Anbieter. Tagesgeld dient zudem häufig als Einstieg, um später Zusatzgeschäfte wie Kreditkarten, Wertpapierhandel oder Konsumentenkredite zu platzieren.
Viele Aktionen haben jedoch Haken – etwa Limits für den Aktionszins nach Höhe und Dauer oder die Pflicht, zusätzlich ein Girokonto zu eröffnen. Verivox-Geschäftsführer Oliver Maier warnt, dass die Zinsen nach den ersten Monaten oft stark abfallen und Sparer dann erneut wechseln müssen, um attraktive Erträge zu sichern. Sein Rat: die Bestandskundenzinsen im Blick behalten.
Laut Studie zahlt die Ascory Bank aus Hamburg mit 2,5 Prozent die höchsten Zinsen für Bestandskunden. Beim Online-Broker Scalable Capital sind 2,6 Prozent möglich, wobei Einlagen dort teils über ausländische Partnerbanken oder Geldmarktfonds angelegt werden.
Im Gegensatz zu Neukonditionen haben sich Bestandszinsen kaum bewegt: Bundesweit verfügbare Angebote bringen im Schnitt aktuell 1,4 Prozent, nach 1,33 Prozent im Juni. Bei Sparkassen und Volksbanken liegt das Niveau teils unter 0,5 Prozent. Die Zinsrally beim Tagesgeld geht damit an vielen treuen Kunden vorbei, so Maier.
Festgeldzinsen legen spürbar zu
Beim Festgeld zeigt die Kurve deutlicher nach oben. Für zwei Jahre Laufzeit lagen die Durchschnittszinsen Anfang Juni bei 2,32 Prozent, aktuell bei 2,55 Prozent. Die Münchner Plattform Scalable Capital hat jüngst sogar 3,0 Prozent für 24 Monate eingeführt. Auch etablierte Häuser wie die DKB haben ihre Konditionen angehoben.
Ausländische Banken drängen nach Deutschland
Zusätzlichen Druck erzeugen ausländische Institute – darunter die Neobank Revolut. Westeuropa-Chefin Béatrice Cossa-Dumurgier bezeichnet Deutschland als Schlüsselmarkt auf dem Weg zur größten und vertrauenswürdigsten Bank in Europa und weltweit. Revolut zählt hierzulande bereits deutlich über drei Millionen Kunden und rechnet bald mit vier Millionen. Allein 2025 seien mehr als 800.000 neue Kunden hinzugekommen.
Das 2015 gegründete Fintech betreibt keine Filialen, erreicht weltweit rund 80 Millionen Nutzer und wird mit etwa 115 Milliarden US-Dollar bewertet – mehr als die Deutsche Bank an der Börse wert ist.
Bankenschreck Trade Republic
In Deutschland treffen internationale Herausforderer auf starke Direktbanken wie ING und DKB sowie Neobanken wie Trade Republic. Der Berliner Broker hat mit günstigen Handelsgebühren und attraktiven Zinsen bereits über fünf Millionen Kunden im Land gewonnen.
Obwohl der fragmentierte deutsche Bankenmarkt als anspruchsvoll gilt – nicht zuletzt, weil viele Bundesbürger als wenig digitalaffin und börsenscheu gelten –, lassen sich Anbieter wie BBVA, J.P. Morgan oder Revolut davon nicht abhalten. Sie setzen auf die Größe und das Potenzial des Marktes.
Um Vertrauen zu stärken, kooperiert Revolut beim befristeten Tagesgeld mit der Deutschen Bank. Laut Cossa-Dumurgier braucht das Unternehmen Zeit, um die Bekanntheit in Deutschland weiter auszubauen; hier gebe es noch Spielraum. Sie stellt zudem neue Produkte speziell für den deutschen Markt in Aussicht – unter anderem Angebote, die bisher wie Kreditkarten noch fehlen. Ziel sei es, die All-in-one-Finanz-App zu werden.