Zunehmende Kosten setzen die gesetzlichen Krankenkassen massiv unter Druck. Die Deckungslücke dürfte deutlich größer ausfallen als bislang vermutet.
Die finanziellen Schwierigkeiten der gesetzlichen Krankenkassen könnten gravierender ausfallen als bisher bekannt. Der GKV-Spitzenverband fordert deshalb Nachbesserungen am geplanten Sparpaket der Bundesregierung. „Es muss aufgestockt werden“, sagte Vorstandschef Oliver Blatt bei einem Presseseminar in Brandenburg.
Auslöser sind frische Daten zur Kostenlage. Nach Angaben des GKV-Spitzenverbands fiel die Ausgabenentwicklung im ersten Quartal 2026 „unerwartet hoch“ aus. Zwischen Januar und März legten die Leistungsausgaben um 8 Prozent zu. Der Verband spricht von einer „nahezu ungebrochenen Ausgabendynamik“. Besonders kräftig verteuerten sich die Bereiche:
- Krankenhausbehandlungen: +9,4 Prozent
- Arzneimittel: +6,4 Prozent
- ärztliche Behandlungen: +7,3 Prozent
GKV: Situation dürfte sich noch spürbar verschärfen
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) rechnet bislang damit, dass die Finanzierungslücke der gesetzlichen Krankenversicherung 2027 bei 18,8 Milliarden Euro liegt. Das geplante Gesetz der Bundesregierung schließt davon jedoch nur 16,3 Milliarden Euro. Schon nach der bisherigen Kalkulation verbleibt somit eine Lücke von rund 2,5 Milliarden Euro.
Nach Ansicht des GKV-Spitzenverbands dürfte sich die Situation nochmals spürbar zuspitzen. Der Verband erwartet, dass der vorgesehene Reserveaufbau im Jahr 2026 scheitern wird. „Deckungslücke vergrößert sich um 3 bis 4 Mrd. Euro – der Handlungsdruck erhöht sich nochmals”, heißt es in einem Schreiben des Verbands, das FOCUS online vorliegt.
Rein rechnerisch könnte die Finanzierungslücke damit auf bis zu 22,8 Milliarden Euro steigen.
„Bund lässt Beitragszahlende im Regen stehen”
Für die angespannte Finanzlage macht der GKV-Spitzenverband nicht allein die wachsenden Gesundheitsausgaben verantwortlich. Deutliche Kritik richtet der Verband auch an den Finanzplänen des Bundes.
Nach derzeitigem Stand soll die Bundesbeteiligung für sogenannte versicherungsfremde Leistungen ab 2027 dauerhaft von 14,5 auf 12,5 Milliarden Euro reduziert werden. Dazu zählen unter anderem familienpolitische Leistungen wie Mutterschaftsgeld oder Kinderkrankengeld. Der Verband warnt, dass dadurch zusätzliche Belastungen bei den Beitragszahlerinnen und Beitragszahlern entstehen könnten. In seinen Unterlagen formuliert der GKV-Spitzenverband ungewöhnlich deutlich: „Linke Tasche, rechte Tasche – Bund lässt Beitragszahlende im Regen stehen.“
Verband bemängelt vorgesehene Reduzierung der Bundesbeteiligung
Daher verlangt der Verband Anpassungen am geplanten Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Aus Sicht der Kassen sollten sowohl der Bund als auch die Pharmaindustrie einen größeren Finanzierungsbeitrag leisten.
Unter anderem beanstandet der Verband die geplante Verringerung der Bundeszuschüsse und mehrere Entlastungen für Pharmaunternehmen. Wer im Gesundheitswesen Gewinne erziele, müsse sich nun ebenfalls an den Sparbemühungen beteiligen, heißt es in den Unterlagen des Verbands.
Gesundheitsministerin Warken hatte bereits signalisiert, das Sparziel des Gesetzes zu erhöhen, um zusätzliche Beitragserhöhungen möglichst zu vermeiden. Nach Einschätzung des GKV-Spitzenverbands hat der unerwartete Ausgabenanstieg im ersten Quartal den Handlungsdruck jedoch weiter erhöht.
Leser fordern: „Ausgaben dringend in den Griff bekommen”