Insolvenzen auf höchstem Stand seit 20 Jahren
Die konjunkturelle Lage in Deutschland verschärft sich. Nach Berechnungen des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) stieg die Zahl der Unternehmenspleiten zuletzt auf 17.604 Fälle – so viele wie seit rund 20 Jahren nicht mehr. Das Niveau übertrifft damit sogar die Finanzkrise 2009. Für das laufende Jahr ist keine Entspannung erkennbar. Im Gegenteil: Mehrere Beobachter rechnen mit einem weiteren Anstieg und möglichen neuen Negativrekorden.
Bereits der Jahresausklang signalisierte Gegenwind. Nach vorläufigen Daten des Statistischen Bundesamtes lag die Zahl der Insolvenzen im Dezember um 15,7 Prozent über dem Wert des Vorjahresmonats. Endgültige Ergebnisse werden im Frühjahr erwartet – die Tendenz gilt jedoch als klar.
Milliardenverluste und wachsende Zahlungsausfälle
Mit jeder Insolvenz steigen die Folgekosten. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform schätzt die Forderungsausfälle auf etwa 57 Milliarden Euro. Für das Gesamtjahr sehen die Experten sogar die Möglichkeit von bis zu 24.000 Firmenpleiten, sofern sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht verbessern.
Als wesentliche Treiber gelten strukturelle Faktoren: hohe Energiepreise, steigende Bürokratiekosten, eine hohe Steuerlast für kleine und mittlere Unternehmen sowie eine anhaltend schwache Binnennachfrage. Reine Konjunkturschwankungen reichen als Erklärung nicht mehr aus – viele Betriebe kämpfen um ihre wirtschaftliche Basis.
Investoren ziehen sich vom Standort Deutschland zurück
Besonders kritisch ist der Rückgang an Kapital. Die Düsseldorfer Beratung Falkensteg berichtet, dass potenzielle Investoren bei Übernahmelösungen zunehmend generell abwinken. Deutschland gilt häufig als zu teuer, zu reguliert und zu risikobehaftet.
Ohne frische Mittel scheitern Sanierungen oft bereits zu Beginn. Branchenkenner warnen vor einer Abwärtsspirale: Mit jeder zusätzlichen Insolvenz wächst die Vorsicht der Geldgeber – und damit die Zahl der Unternehmen, die keine zweite Chance erhalten.
Bekannte Marken verschwinden vom Markt
Die Auswirkungen sind im Alltag sichtbar. Zahlreiche bekannte Handels- und Modemarken haben aufgegeben oder kämpfen ums Überleben. Görtz, Gerry Weber, Wormland, Esprit, Closed sowie der Zoofachhändler Zajac stehen beispielhaft für Firmen, die verschwunden sind oder tiefgreifend restrukturiert werden mussten. Auch große Warenhausketten wie Galeria stehen erneut vor einschneidenden Veränderungen.
Was früher Ausnahmen waren, ist vielerorts zur Regel geworden – mit direkten Folgen für Innenstädte, Beschäftigung und regionale Wirtschaftskreisläufe.
Industrie unter Druck: Chemie und Autozulieferer
Besonders betroffen ist die Industrie. Der Verband der Chemischen Industrie meldet eine durchschnittliche Auslastung der Anlagen von nur rund 70 Prozent. Unter solchen Bedingungen sind Gewinne kaum zu erzielen. Parallel steigen die Kosten für Energie und perspektivisch für CO₂-Zertifikate.
Ähnlich düster ist die Lage im Automobilsektor. Zahlreiche mittelständische Zulieferer leiden unter schwacher Nachfrage, Preisdruck aus China und dem technologischen Wandel. Viele Betriebe reagieren mit Kurzarbeit oder Standortschließungen – anderen bleibt nur der Gang in die Insolvenz. Allein 2025 verloren rund 170.000 Beschäftigte insolventer Unternehmen ihren Arbeitsplatz.
China als Konkurrent und Marktherausforderung
Der Außenhandel belastet zusätzlich. Einerseits sinken die deutschen Exporte nach China, andererseits treten chinesische Anbieter weltweit als aggressive Wettbewerber auf. Maschinenbau und Automobilindustrie – lange Wachstumsstützen – tragen inzwischen zum Rückgang des Bruttoinlandsprodukts bei.
Mit jeder Betriebsschließung geht zudem wertvolles Know-how verloren. Lieferketten reißen, Innovationskraft lässt nach, und verbundene Unternehmen geraten ebenfalls in Bedrängnis.
Gesundheitswesen gerät in die Krise
Besonders sensibel ist die Lage im Gesundheitssektor. Rund 80 Prozent der deutschen Krankenhäuser schreiben Verluste. Steigende Energie- und Personalkosten treffen auf unzureichende Kostenerstattungen durch die Kassen. Die Folge: Immer mehr Kliniken melden Insolvenz an oder nutzen Schutzschirmverfahren.
Die Beispiele reichen von kleineren Häusern bis zu großen Kliniken in Metropolen. Werden diese Standorte dauerhaft geschlossen, drohen Versorgungslücken, vor allem im ländlichen Raum. Oft müssen Kommunen oder Länder einspringen – letztlich trägt der Steuerzahler die Last zusätzlich zu steigenden Beiträgen in der Krankenversicherung.
Gesellschaftliche Folgen verstärken sich
Die wirtschaftlichen Probleme reichen weit über die betroffenen Firmen hinaus. Jobverluste dämpfen den Konsum, belasten den Einzelhandel und führen zu weiteren Geschäftsaufgaben. Gastronomie, Freizeitangebote und kommunale Finanzen geraten unter Druck. In vielen Regionen sinkt die Lebensqualität spürbar.
Ein umfassender wirtschaftlicher Neustart wäre nötig, um diese Dynamik zu durchbrechen. Derzeit deutet jedoch wenig darauf hin, dass ein solcher Befreiungsschlag kurz bevorsteht.