Außergewöhnliche Euphorie prallt auf ambitionierte Gewinnprognosen und die statistisch schwächste Börsenphase des Jahres. Diese Faktoren sollten Anleger bis Mitte Oktober besonders im Blick behalten.
Die Warnzeichen am US-Aktienmarkt nehmen zu. Jim Paulsen, Ökonom und früherer Wall-Street-Stratege, hält laut „MarketWatch“ noch vor dem Jahreswechsel eine Korrektur des S&P 500 um zehn bis 20 Prozent für denkbar. Brisant: Der Index liegt rund 55 Prozent über seiner durchschnittlichen Nachkriegs-Trendlinie – eine so hohe Prämie wurde zuletzt am Höhepunkt der Tech-Blase im März 2000 erreicht.
Gewicht defensiver Titel nahe historischem Tief
Auch die Stimmung wirkt extrem. Das Bull/Bear-Verhältnis von Investors Intelligence liegt bei 3,88 und bewegt sich damit knapp unter einer Zone, die historisch zu erhöhter Vorsicht rät. Der Bull-and-Bear-Indikator der Bank of America steht sogar bei 9,6 von zehn Punkten – ein Niveau, das als Verkaufssignal gilt. Zugleich ist der Anteil defensiver Aktien an der gesamten Marktkapitalisierung des S&P 500 auf lediglich 17 Prozent gefallen und liegt damit nahe einem Rekordtief.
Dazu kommen sehr hohe Gewinnprognosen. Die Konsensschätzung für den Gewinn je Aktie (EPS) des S&P 500 in den nächsten zwölf Monaten liegt fast 90 Prozent über dem im Schnitt gemeldeten EPS der vergangenen zehn Jahre. Seit 1990 betrug dieser Aufschlag im Mittel nur 32 Prozent. Historisch leitet die Bank of America daraus ein Abwärtsrisiko von rund sieben Prozent für den S&P 500 in den kommenden zwölf Monaten ab.
Bärenmarkt bei US-Techwerten?
Auch die Konjunktur könnte überraschen. Ein starker US-Dollar, hohe Ölpreise, Inflation, steigende langfristige Renditen und ein schwächeres Geldmengenwachstum entfalten mit Verzögerung Wirkung auf die Wirtschaft. Der überraschende Abbau von 23.000 US-Arbeitsplätzen im Juli könnte laut Paulsen ein frühes Warnsignal gewesen sein.
Gleichzeitig flacht die Gewinndynamik ab. Die EPS-Prognosen für das dritte Quartal legten zuletzt nur noch um 0,89 Prozent zu, nach 1,16 Prozent in der vergleichbaren Phase nach dem ersten Quartal. Für sich genommen ist das noch kein Bärenmarktsignal, doch eine weitere Abschwächung würde den wichtigsten Treiber der Rally infrage stellen.
Hinzu kommt die saisonal schwächste Phase des Jahres. Seit 1928 ist der September im Schnitt der schwächste Monat für den S&P 500, und das Jahrestief wird historisch häufig zwischen dem 10. und 12. Oktober markiert. Paulsen rechnet daher zwar nicht mit einer Rezession, aber mit einer Phase ausgeprägter Rezessionsängste, die noch vor Jahresende eine zehn- bis 20-prozentige Korrektur im S&P 500 und möglicherweise sogar einen Bärenmarkt bei US-Technologieaktien auslösen könnte.