Hensoldt-Aktie im Gegenwind: War der Höhenflug zu steil?
Über mangelnde Rendite können sich Anlegerinnen und Anleger beim Spezialisten für Luftverteidigung und elektronische Kampfführung Hensoldt eigentlich nicht beschweren: Seit dem Jahreswechsel liegt das Papier fast 145 Prozent vorn – zwischenzeitlich sogar deutlich mehr.
In den vergangenen Wochen setzte jedoch eine spürbare Korrektur ein. Die jüngst präsentierten Quartalszahlen und der Kapitalmarkttag brachten keine Entlastung. Im Gegenteil: Angesichts eines ernüchternden Ausblicks auf das nächste Jahr nahm der Verkaufsdruck sogar weiter zu.
Der CEO greift zu – sollten auch Sie jetzt einsteigen?
Vorstandschef Oliver Dörre nutzte die Schwächephase und kaufte am Dienstag zu. Laut einer Meldung an die BaFin erwarb er in drei Tranchen Aktien im Gesamtwert von 222.570 Euro. Sollen Anlegerinnen und Anleger seinem Vorbild folgen? Ein Blick auf den Chart hilft bei der Einordnung:
Abwärtstrend: Bären sammeln gleich mehrere Treffer
Grundsätzlich befindet sich Hensoldt in einem mehrjährigen Aufwärtstrend mit hoher Dynamik – die starken Zuwächse seit Jahresbeginn belegen das. Seit Anfang Oktober läuft jedoch eine Korrektur, die technisch aus einem zuvor überkauften RSI resultierte.
Die Verkäuferseite verzeichnet bereits drei wichtige Erfolge: Die Aktie rutschte unter die 50-Tage-Linie, durchbrach die seit Februar laufende Aufwärtstrendlinie und verlor in dieser Woche zudem die Unterstützung bei 90 Euro.
Technische Signale schwach, aber noch nicht überverkauft
RSI und Trendstärkeindikator MACD spiegeln die jüngste Schwäche klar wider. Vor allem der MACD zeigt seit Wochen einen intakter werdenden Abwärtstrend mit zunehmender Dynamik. Da der RSI den überverkauften Bereich noch nicht erreicht hat, könnte die Abwärtsbewegung vorerst anhalten.
Nächste Zielzonen auf der Unterseite sind die 200-Tage-Linie bei knapp 82 Euro sowie der Unterstützungsbereich zwischen 76 und 80 Euro. Ein nachhaltiger Bruch darunter würde die jüngste Korrektur womöglich in einen längerfristigen Trendwechsel überführen.
Warnsignale gären schon seit Längerem
Dieses Risiko ist nicht zu unterschätzen: Trotz des Allzeithochs im Oktober deuten sich bei Hensoldt seit Monaten mögliche Trendwende-Signale an. Im RSI und im MACD zeigen sich bearishe Divergenzen – beide Indikatoren laufen dem Kursanstieg entgegen und bestätigten das Hoch nicht.
Erst oberhalb von 100 Euro wären wieder konstruktive Impulse zu erwarten. Aktuell liefert die Technik hierfür jedoch keine Anzeichen.
Ambitionierte Unternehmensbewertung
Auch die Bewertung spricht nicht für eine schnelle Erholung. Für das laufende Jahr wird ein KGV von 85,8 veranschlagt, für 2026 eines von 51,9. Das erscheint hoch für ein Unternehmen, das lediglich 10 Prozent Umsatzwachstum in Aussicht stellt.
Über 2026 hinaus soll das Wachstum zwar anziehen und die Erlöse um 15 bis 20 Prozent steigen. Doch selbst für 2027 ist bereits ein KGV von 38,3 eingepreist – unter der Annahme, dass sich der Gewinn gegenüber dem laufenden Jahr verdoppelt.
Auch andere Kennzahlen liegen deutlich über Branchenmittel. Die „einfachen“ Kurssteigerungen dürften – unabhängig vom CEO-Kauf – bereits abgearbeitet sein.
Fazit: Warum einsteigen, wenn Wettbewerber deutlich günstiger sind?!
Die Hensoldt-Aktie steckt charttechnisch in Schwierigkeiten. Weder die Quartalszahlen noch der Kapitalmarkttag lieferten positive Impulse – vielmehr nähren sie die Sorge einer aktuellen Überbewertung. Entsprechend könnten die Verluste vorerst anhalten.
An moderat bewerteten Rüstungswerten mangelt es derweil nicht. Das erschwert eine Kaufempfehlung für Hensoldt zusätzlich. Lockheed Martin, ebenfalls mit Luftverteidigungskapazitäten, wird für 2026 mit dem 15,8-Fachen der erwarteten Gewinne bepreist. General Dynamics hat jüngst mit einem frischen Allzeithoch ein Kaufsignal geliefert und kommt auf ein ebenfalls moderates KGV von 20,5. Wer (mehr) Rüstung im Depot möchte, findet hier attraktivere Alternativen.
Autor: ARIVA.DE Redaktion/Max Gross