WIESBADEN/BERLIN (dpa-AFX) – Sommerflaute statt Aufschwung: Die deutsche Wirtschaft findet weiter keinen Ausweg aus der Dauerkrise. Nach dem Rückgang im Frühjahr stagnierte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal. Auf Basis vorläufiger Zahlen ermittelte das Statistische Bundesamt gegenüber dem Vorquartal ein Wachstum von genau null Prozent.
Immerhin verbessern sich die Perspektiven zum Jahresende, und der Arbeitsmarkt zeigt sich vergleichsweise robust. Im Oktober verringerte sich die Zahl der Arbeitslosen gegenüber September um 44.000 auf 2,911 Millionen, auch wenn die sonst übliche Herbstbelebung verhalten blieb.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche drängt auf Reformen: “Jetzt gilt es, die Sozialsysteme zu erneuern, Bürokratie spürbar zu reduzieren, Lieferketten widerstandsfähiger zu machen, das Arbeitsangebot zu vergrößern und solide öffentliche Finanzen zu gewährleisten”, so die CDU-Politikerin.
US-Zölle belasten den Export zunehmend
Die deutsche Wirtschaft durchlebt die längste Schwächephase seit Jahrzehnten und verliert im europäischen Vergleich an Boden, während einstige Krisenländer wie Spanien und Portugal im dritten Quartal deutlich zulegten. Nach Eurostat-Daten wuchs die Wirtschaft im Euroraum im Sommer zum Vorquartal um 0,2 Prozent.
Das Zinsumfeld bleibt investitionsfreundlich: Die Europäische Zentralbank (EZB) lässt den für Banken und Sparer maßgeblichen Einlagenzins bei 2,0 Prozent. Geringere Zinsen stützen die Konjunktur, weil Kredite für Unternehmen und Verbraucher tendenziell günstiger werden.
In Deutschland setzt der Industrie die verhaltene Nachfrage in Schlüsselbranchen wie Auto und Chemie zu, zudem bremsen US-Zölle den Export. Im Inland halten sich Verbraucher beim Konsum zurück – auch, weil etwa Lebensmittel teurer sind als vor der Corona-Pandemie. Bei der Teuerung gab es im Oktober ersten Angaben zufolge etwas Entlastung: Die Verbraucherpreise lagen 2,3 Prozent über dem Niveau des Vorjahresmonats – nach 2,4 Prozent Inflation im September.
Zölle setzen Exporten “Made in Germany” zu
Zwischen Juli und September erhöhten Unternehmen laut den Wiesbadener Statistikern ihre Investitionen in Ausrüstungen wie Maschinen und Fahrzeuge. Gleichzeitig sanken die Ausfuhren von in Deutschland produzierten Waren gegenüber dem Vorquartal.
Die Zollpolitik der Regierung von US-Präsident Donald Trump erschwert den Export. “Trotz des Zolldeals mit den USA kommt der Außenhandel nicht in Schwung und bleibt deutlich hinter den Vorjahreswerten zurück”, sagt DZ-Bank-Analyst Claus Niegsch.
Reformstau dämpft die deutsche Wirtschaft
Zwar rechnen Ökonomen nach den starken Rückgängen 2023 und 2024 mit einer Stabilisierung. Aufgrund von Schwächen des Standorts Deutschland geht es jedoch kaum voran, meint Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer: “Erst im nächsten Jahr dürfte das Fiskalpaket der Bundesregierung die Konjunktur anstoßen – wegen ausbleibender Reformen jedoch nicht dauerhaft.”
Hohe Energiepreise und viel Bürokratie zählen zu den strukturellen Belastungen für die Unternehmen. Deutschland müsse “endlich aufwachen” und “Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit ins Zentrum der politischen Agenda” rücken, mahnte jüngst Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing.
Bundesregierung verspricht rasches Reformtempo
Mit einem “Wachstumsbooster” für bessere Abschreibungen und einem “Bauturbo” für schnellere Genehmigungen will die Bundesregierung die Konjunktur beleben. Kanzler Friedrich Merz (CDU) stellte Anfang Oktober ein hohes Reformtempo in Aussicht. Im ZDF-“heute journal” sagte er: “Der Reformherbst hat längst begonnen.”
In der Wirtschaft ist der anfängliche Optimismus Ernüchterung gewichen – auch wegen Streit in der schwarz-roten Koalition. Der Handlungsdruck ist groß: 84 Prozent der Unternehmen sehen die marode Infrastruktur als Belastung, zeigt eine Umfrage des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) unter 1.100 Firmen. “Die Verkehrsinfrastruktur ist ein Bremsklotz für die deutsche Wirtschaft geworden”, fasst IW-Experte Thomas Puls zusammen.
Für 2025 wird höchstens Mini-Wachstum erwartet
Dennoch könnte die deutsche Wirtschaft 2025 knapp an einem dritten Jahr ohne Wachstum vorbeischrammen. Führende Ökonomen und die Bundesregierung rechnen mit einem Mini-Plus von rund 0,2 Prozent.
“Die Perspektiven für das vierte Quartal sind günstiger: Staatliche Ausgaben dürften nun Monat für Monat zunehmen, und die Unsicherheit in der globalen Handelspolitik dürfte allmählich abklingen”, sagt der Deutschland-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Robin Winkler. “Die Unternehmensumfragen im Oktober machen uns zuversichtlich, dass eine Konjunkturerholung nun endlich unmittelbar bevorsteht.”
Trendwende im kommenden Jahr?
2026 dürfte die deutsche Wirtschaft nach Einschätzung von Ökonomen etwas kräftiger wachsen – nicht zuletzt dank geplanter Milliardenausgaben für Infrastruktur wie Straßen und Schienen sowie für Verteidigung. Die Bundesregierung kalkuliert mit einem Plus von 1,3 Prozent, der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet hingegen nur 0,9 Prozent.
Bereits im September warnten Deutschlands führende Wirtschaftsforschungsinstitute anlässlich ihrer Gemeinschaftsdiagnose: Die deutsche Wirtschaft stehe weiterhin auf “wackeligen Beinen”./ben/als/ceb/DP/jkr