Max Gross bringt langjährige Erfahrung an der Börse mit, darunter fünf Jahre als Redakteur bei einem führenden deutschen Anlegermagazin. Für ARIVA.DE bereitet er Markt- und Unternehmensentwicklungen fundiert, praxisnah und mit klarem Fokus auf Anlageentscheidungen auf. Seine Schwerpunkte sind US-Aktien, Dividendenwerte und Value-Titel. Sein Ziel ist es, Anlegerinnen und Anlegern relevante Informationen, konkrete Investmentideen und verlässliche Impulse für den langfristigen Vermögensaufbau zu liefern. Dafür kombiniert er technische mit fundamentaler Analyse.
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Nach wochenlangen Gesprächen in Wolfsburg über den künftigen Kurs des VW-Konzerns liegen nun die Einzelheiten auf dem Tisch – und die Börse applaudiert!
Kurz zusammengefasst:
Volkswagen: So kritisch war die Situation womöglich noch nie!
Der Volkswagen-Konzern steckt aktuell in einer der schwersten Phasen seiner Unternehmensgeschichte. Schwache Nachfrage, zunehmender Konkurrenzdruck aus China und eine ungünstige Kostenbasis haben die Profitabilität stark erodieren lassen – im vergangenen Geschäftsjahr standen 6,67 Milliarden Euro Nettogewinn bei einem Konzernumsatz von knapp 322 Milliarden Euro. Das entspricht einer Marge von etwas mehr als 2 Prozent.
In den letzten Wochen suchte die Konzernführung daher intensiv nach Auswegen – und musste dabei gegensätzliche Interessen der Stakeholder austarieren. Zwischenzeitlich sah es so aus, als könne das Team um CEO Oliver Blume dem mächtigen Aufsichtsrat keinen tragfähigen Kompromiss vorlegen.
VW schafft die Wende – die Aktie legt deutlich zu
Am Donnerstagabend gelang dann überraschend der Durchbruch. Einstimmig verständigte sich der Aufsichtsrat darauf, den Konzern zu verschlanken, indem 50.000 Stellen abgebaut werden – rund die Hälfte davon in Deutschland. Zugleich sollen die Kosten bei den Modellen gesenkt und die Modellpalette einerseits gestrafft, andererseits flexibler an die Bedürfnisse einzelner Märkte angepasst werden.
Die Börse nahm diesen Befreiungsschlag mit spürbarer Erleichterung auf, nachdem die Lage zuletzt immer weiter eskaliert war.
Mit einem Anstieg von über 8 Prozent setzten sich die VW-Vorzüge am Freitag an die Spitze des deutschen Leitindex DAX. Aus dem Sorgenkind könnte damit ein ernstzunehmender Turnaround-Kandidat werden – der Blick auf den Chart stützt diese Einschätzung:
Kurseinbruch von bis zu 70 Prozent – fundamental durchaus nachvollziehbar
Seit einem Hoch nahe 250 Euro – erzielt ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie – befindet sich die Volkswagen-Aktie in einem mehrjährigen Abwärtstrend. Gegenüber dem Rekordergebnis von 22,6 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2023 sind die Gewinne auf die eingangs genannten 6,7 Milliarden Euro geschrumpft. Die zeitweisen Kursverluste von über 70 Prozent spiegeln den Gewinnrückgang damit nahezu eins zu eins wider.
Vor allem im laufenden Jahr beschleunigte sich der Abverkauf nochmals deutlich, da die Profitabilitätsprobleme immer offener zutage traten. Selbst nach der jüngsten Erholung steht seit Jahresbeginn noch ein Minus von rund 20 Prozent.
Aus charttechnischer Sicht sah es bis vor Kurzem äußerst trüb aus: Wichtige Unterstützungen – allen voran die gleitenden Durchschnitte – wurden unterschritten, und die Aktie fiel auf den niedrigsten Stand seit über 15 Jahren. Solche markanten Mehrjahrestiefs gelten in der Chartanalyse ebenso wie das bereits im März aufgetretene Death Cross als starke Verkaufssignale.
Das Blatt drehte sich bereits vor der Einigung …
Trotzdem konnte die Aktie im Bereich um 70 Euro einen Halt ausbilden und einen Boden formen – ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als die Stimmung gegenüber VW am schlechtesten war. Ein typisches Muster für Bodenbildungsprozesse nach langen Abwärtsphasen.
Da an der Börse die Zukunft gehandelt wird, markieren Aktien ihre Tiefpunkte häufig dann, wenn das Sentiment am negativsten ist – denn dann kann es im Umkehrschluss nur besser werden. Lange vor der am Donnerstagabend kommunizierten Einigung im Aufsichtsrat setzte die Aktie daher bereits zu einer Erholung an.
… jetzt könnte die Trendwende an Tempo gewinnen!
Diese Erholung wurde von aufwärts drehenden technischen Indikatoren begleitet. Der Relative-Stärke-Index (RSI) hat sich aus überverkauften Bereichen gelöst und signalisiert nun kräftiges Momentum, während der Trendstärkeindikator MACD ins Positive gedreht ist und damit einen neuen Aufwärtstrend anzeigt.
Im Chart passt dazu der Ausbruch aus dem Aufwärtstrendkanal. Nach dem Überwinden der 50-Tage-Linie liegt damit bereits das zweite prozyklische Kaufsignal vor.
Ganz aus dem Schneider sind die VW-Vorzüge jedoch noch nicht: Zwischen 83,50 und 85,00 Euro wartet neben einer noch offenen Kurslücke auch eine horizontale Widerstandszone. Zudem muss anschließend der Bereich zwischen 90 und 93 Euro überwunden werden, wo neben der 200-Tage-Linie auch eine Abwärtstrendlinie verläuft. Erst darüber würde sich das übergeordnete Bild deutlich aufhellen. Dennoch ist der Aktie ein erster großer Befreiungsschlag gelungen, der das jahrelange Leiden vieler Anlegerinnen und Anleger beenden könnte.
Fazit: Einstieg denkbar – Restrisiken bleiben
Bewertungsseitig ist bereits sehr viel Negatives eingepreist. Das für 2026 erwartete KGV liegt bei 4,4, für 2027 sogar nur bei 3,4 – gegenüber einem 10-Jahres-Schnitt von 6,7. Zudem notierte VW zuletzt nahe am beziehungsweise teilweise unter dem Substanzwert. Das operative Geschäft gab es angesichts eines EV/EBITDA von 0,05 also praktisch gratis.
Angesichts dieser niedrigen Multiplikatoren dürften selbst kleine operative Verbesserungen bereits weitere Kursanstiege auslösen. Zusammen mit der klar verbesserten charttechnischen Ausgangslage und ersten prozyklischen Kaufsignalen spricht das dafür, dass die Chancen bei VW derzeit die Abwärtsrisiken überwiegen. Gleichwohl müssen die Wolfsburger nun zügig messbare finanzielle Erfolge liefern – andernfalls könnte die Stimmung schnell wieder drehen.
Autor: ARIVA.DE Redaktion/Max Gross
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