Der Kospi ist inzwischen volatiler als Bitcoin. In der KI-Hausse wurden gehebelte ETFs für viele südkoreanische Privatanleger zur riskanten Verlustfalle.
Monatelang kannte der südkoreanische Leitindex Kospi nur den Weg nach oben. Inzwischen gleicht seine Entwicklung jedoch einer Achterbahnfahrt. Ein nahezu unveränderter Handelstag wie am Freitag ist die Ausnahme. Am Donnerstag schloss der Kospi fast fünf Prozent im Minus, am 28. stürzte der Leitindex sogar um elf Prozent ab.
In einer Gesellschaft, die zuletzt das heftigste Börsenfieber seit Jahrzehnten erlebte, sind die starken Schwankungen des Kospi zum politischen Streitpunkt geworden. Zugleich haben viele Kleinanleger durch die rasanten Bewegungen erhebliche Teile ihrer Ersparnisse eingebüßt – oft, weil sie mit gehebelten ETFs auf steigende Kurse gesetzt haben.
Der südkoreanische Aktienmarkt galt lange als wenig attraktiv, vor allem für internationale Großanleger. Einerseits lastet eine ständige geopolitische Bedrohung auf ihm, denn das nuklear bewaffnete Nordkorea liegt direkt nebenan. Andererseits wirkte das System intransparent: Die großen Konzerne, die sogenannten „Chaebol“, werden von mächtigen Eigentümerfamilien geführt, denen man seit jeher vorwarf, eher im eigenen Interesse zu handeln als die Belange von Minderheitsaktionären zu wahren.
Folglich waren südkoreanische Aktien trotz soliden Wirtschaftswachstums vergleichsweise günstig bewertet – Ökonomen sprachen vom „Korea Discount“.
Warum Südkoreas Wirtschaft stark vom KI-Boom profitierte
Der Kospi dümpelte lange ohne auffällige Ausschläge vor sich hin – bis im vergangenen Sommer eine beispiellose Rally begann: Zwischen Juni 2025 und Juni 2026 sprang der Leitindex von 3.000 auf über 9.000 Punkte. Treiber war der enorme Hype um Künstliche Intelligenz. Besonders die Chip-Hersteller Samsung Electronics und SK Hynix profitierten von der weltweit rasant steigenden Nachfrage, denn sie liefern die Speicherchips, die in KI-Rechenzentren, Smartphones und Hochleistungsrechnern unverzichtbar sind.
Parallel zum Bullenmarkt setzte ein politischer Kurswechsel ein. Präsident Lee Jae Myung, seit letztem Sommer im Amt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Aktienmarkt zu beleben – für einen linksgerichteten Politiker auf den ersten Blick überraschend.
Der 62-Jährige ist jedoch überzeugt, dass die Bevölkerung zu viel Vermögen in Immobilien gebunden hat. Die dadurch hohen Wohnkosten verschärften die soziale Ungleichheit. Deshalb schuf er Anreize, um Investitionen in heimische Aktien zu erleichtern – in der Hoffnung, die Wohlstandsgewinne breiter zu streuen.
Viele – vor allem junge – Koreaner folgten Lees Appell. Ihr Anlageverhalten ist im internationalen Vergleich jedoch überdurchschnittlich risikoreich: In einer Kultur des Tempos und unter Millennials, die glauben, mit Erwerbsarbeit kaum noch Vermögen bilden zu können, kauften sie massenhaft gehebelte Kospi-Produkte. Dabei vervielfachen sich Gewinne wie Verluste – teils bis zum Fünffachen.
Angetrieben wird dies von Influencern in sozialen Medien, die berichten, mit genau dieser Strategie früh finanzielle Freiheit erreicht zu haben. Hinzu kommt die „Fear of Missing Out“ („FOMO“), also die Angst, die Rally zu verpassen.
Die Risiken des Aktienhandels bleiben dabei oft unerwähnt – und schlugen zuletzt beim Kospi durch: Mitte Juni überschritt der Index noch 9.000 Punkte, Ende Juli lag er bereits unter 6.000. Seither geht es fast täglich rasant auf und ab. Mehrfach pro Woche musste der Handel wegen extremer Schwankungen vorübergehend ausgesetzt werden.
Eine Untersuchung des Beratungsunternehmens “Shinhan Investment & Securities” kommt zu einem alarmierenden Ergebnis: Die Volatilität des Kospi liegt derzeit deutlich über der von Bitcoin. Park Woo Yeol, Analyst bei “Shinhan Investment & Securities”, warnt besonders vor gehebelten ETFs: “Anleger sollten sich erst dann mit ihnen befassen, wenn sie deren Struktur und Risikoprofile vollständig verstanden haben.”
Die Schwankungen am Aktienmarkt setzen Präsident Lee unter Druck
Die hohe Volatilität des Kospi hat mehrere Ursachen. Zum einen hängt der Index überproportional an wenigen Schwergewichten, vor allem den Speicherchip-Giganten Samsung Electronics und SK Hynix. Deren Geschäfte sind eng an die KI-Nachfrage gekoppelt – ein Bereich, der zwischen Euphorie und Sorge vor einer Blase schwankt. Zum anderen ist der Kospi ein relativ kleiner Leitindex, an dem viele Ausländer beteiligt sind. Ziehen sie Kapital ab, führt das zu heftigen Kursbewegungen.
Hinter den Privatanlegern in gehebelte Produkte stehen oft tragische Geschichten. Viele haben Kredite aufgenommen, um in Aktien zu investieren. Binnen Wochen wurden sie auf dem Papier reich – nur um kurz darauf ihre Gewinne wieder zu verlieren.
Warum besonders junge Koreaner zu solch riskanten Wetten neigen, hat vor allem sozioökonomische Gründe. Gesellschaftlich gilt ein Eigenheim als Teil einer abgesicherten Existenz. Doch die Immobilienpreise stiegen in den vergangenen Dekaden deutlich schneller als die Löhne – viele sehen hohe Renditen als einzige Chance auf eine eigene Wohnung.
Dementsprechend wächst der Druck auf Präsident Lee Jae Myung. Hatte er sich den zuvor stark gestiegenen Kospi noch als Erfolg zugeschrieben, wird er nun öffentlich für die Schwäche verantwortlich gemacht. Als erste Reaktion hat die Regierung den Handel mit gehebelten Aktien strenger reguliert – und damit für Privatanleger deutlich erschwert.
Vorerst jedoch kippt die Stimmung gegen Präsident Lee: Laut einer Umfrage sind seine Zustimmungswerte mit 45,9 Prozent auf den niedrigsten Stand seit Amtsantritt gefallen.