KI wandelt Prozesse in der Versicherungsverwaltung
In zahlreichen Bereichen der Versicherungswirtschaft werden Tätigkeiten, die lange als klassische Büroarbeit galten, zunehmend digitalisiert und automatisiert. Besonders klar definierte Standardprozesse – etwa die Erfassung von Schadenmeldungen, die Bearbeitung von Korrespondenz oder einfache Serviceanliegen – lassen sich durch Software und KI-gestützte Lösungen schneller und mit geringerem Personaleinsatz abwickeln. Vor diesem Hintergrund plant der Versicherer ERGO einen deutlichen Personalabbau: Bis Ende 2030 sollen in Deutschland rund 1.000 Arbeitsplätze entfallen.
Der Umbau ist als mehrjähriges Programm angelegt und keine kurzfristige Sparmaßnahme. Umgerechnet entspricht das etwa 200 Stellen pro Jahr. Aus Sicht des Unternehmens verschieben sich damit Tätigkeitsprofile: Rollen mit vielen wiederkehrenden Vorgängen werden weniger gebraucht, während digitale Workflows ausgebaut werden.
Sozialplan statt Kündigungswelle
Entscheidend ist, wie der Abbau umgesetzt wird. Nach Angaben aus dem Umfeld der Einigung mit Arbeitnehmervertretern wurde ein Interessenausgleich vereinbart, der betriebsbedingte Kündigungen ausdrücklich ausschließt. Bis einschließlich 2030 sind daher keine betriebsbedingten Kündigungen vorgesehen. Der Stellenabbau soll vielmehr „sozialverträglich“ erfolgen – über natürliche Fluktuation, Altersteilzeit und Abfindungsangebote.
Die Personalvorständin Lena Lindemann betonte gegenüber dem Handelsblatt den freiwilligen Charakter des Programms und sagte wörtlich: „Freiwilligkeit bleibt das zentrale Prinzip. Niemand geht gegen seinen Willen.“ Das unterstreicht, dass der Umbau als gesteuerter, personalpolitisch begleiteter Prozess verstanden wird – ohne harte Einschnitte durch Kündigungen.
Welche Jobs besonders unter Druck geraten
Im Mittelpunkt stehen Tätigkeiten, die stark regelbasiert, repetitiv und datengetrieben sind. Dazu zählen etwa Aufgaben im Callcenter, in der Bearbeitung von Schadensakten oder in der standardisierten Dokumentenverarbeitung. In diesen Bereichen kann KI Anfragen vorsortieren, Eingaben prüfen, Formulare ausfüllen oder Prozessschritte automatisch anstoßen. Dadurch sinkt der Bedarf an klassischen Sachbearbeitungsrollen – nicht schlagartig, aber spürbar über mehrere Jahre.
Für Beschäftigte bedeutet das meist keine abrupte „Ersetzung“, sondern eine schrittweise Verschiebung der Arbeitsinhalte: Aus manuellen Prüfroutinen werden zunehmend Prozesssteuerung, Qualitätssicherung und Bearbeitung von Ausnahmen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an digitale Grundkompetenzen, weil Systeme tiefer in den Arbeitsalltag integriert werden.
Verlagerungen nach Polen und Indien, Aufbau außerhalb Deutschlands
Parallel zum Abbau in Deutschland ist eine geografische Neuordnung vorgesehen. Verwaltungs- und Servicefunktionen sollen teilweise ins Ausland verlagert werden – genannt werden vor allem Polen und Indien, wo der Versicherer bereits IT-Strukturen und Hubs betreibt. Solche Verlagerungen gehen in der Branche häufig mit Standardisierung einher: Je stärker Prozesse vereinheitlicht und digitalisiert sind, desto leichter lassen sie sich an zentralen Standorten bündeln.
Zugleich soll auch außerhalb Deutschlands Beschäftigung entstehen. Als Beispiel werden neue Stellen in den USA genannt. Das zeigt, dass es nicht nur um Kostensenkung geht, sondern um eine Ausrichtung auf Märkte, Wachstumsfelder und Kompetenzschwerpunkte. Während hierzulande administrative Routinetätigkeiten wegfallen, werden Kapazitäten dort aufgebaut, wo neue Aufgaben und Investitionen anstehen.
Teil einer größeren Strategie der Muttergesellschaft
Der Umbau bei Ergo ist eingebettet in die Strategie 2030 der Muttergesellschaft Munich Re (früher Münchener Rück). Im Rahmen dieses Programms ist ein Einsparziel von 600 Millionen Euro bis 2030 vorgesehen. Für das laufende Jahr rechnet der Konzern mit einem Nettogewinn von 6,3 Milliarden Euro. Innerhalb dieses Rahmens soll Ergo rund 900 Millionen Euro zum Ergebnis beitragen.
Diese Kennzahlen zeigen, dass der Stellenabbau nicht isoliert zu betrachten ist. Er ist Teil einer konzernweiten Rendite- und Effizienzagenda. Wo gleichzeitig ambitionierte Ergebnisziele gelten, steigt der Druck, Kostenstrukturen zu optimieren – insbesondere dort, wo Digitalisierung messbare Produktivitätsgewinne ermöglicht.
Umschulung als Puffer – aber nicht ohne Grenzen
Begleitend zum Abbau plant das Unternehmen Qualifizierungsinitiativen. Genannt werden rund 500 Plätze für Umschulungen beziehungsweise „Reskilling“. Damit sollen Beschäftigte für neue Aufgabenfelder gewonnen werden, etwa im Prozessmanagement, im Datenumfeld oder in IT-nahen Funktionen. Gleichzeitig wird eingeräumt, dass Weiterqualifizierung nicht jede Lücke schließen kann – vor allem dann, wenn der Sprung von klassischer Sachbearbeitung zu hoch spezialisierten Daten- oder IT-Rollen sehr groß ist.
Genau darin liegt eine praktische Hürde: KI verschiebt die Nachfrage nach Tätigkeiten, schafft aber nicht automatisch für alle Betroffenen passende Anschlussrollen. Der Erfolg des Programms wird sich daher nicht nur daran messen lassen, wie viele Stellen wegfallen, sondern auch daran, wie viele Beschäftigte nachhaltig in neue Aufgaben wechseln – im Unternehmen oder über freiwillige Übergänge hinweg.