Teure Ölnotierungen, anziehende Anleiherenditen und deutliche Verluste bei KI-Titeln belasten die Aktienmärkte. Im Dax gerät die Schwelle von 25.000 Punkten zunehmend in Reichweite. Das weckt Erinnerungen an die Eurokrise.
Der Dax geht mit Schwäche in den neuen Handelstag. Vorbörslich liegt der deutsche Leitindex bei Tradegate bei 25.419,30 Punkten, ein Rückgang von 0,42 Prozent. Der Goldpreis gibt leicht auf 4294,15 US-Dollar nach (minus 0,11 Prozent), während Brent-Rohöl um 1,76 Prozent auf 107,54 US-Dollar zulegt. Bitcoin fällt um 0,91 Prozent auf 77.455,25 US-Dollar.
Die Ölnotierungen haben sich nach dem jüngsten Sprung auf erhöhtem Niveau stabilisiert. Dass die Preise vorerst nicht weiter steigen, wertet Marktexperte Thomas Altmann von QC Partners bereits als positives Zeichen.
Dax im Tief, Anleihen im Höhenflug
Bereits gestern rutschte der Dax auf den tiefsten Stand seit zwei Monaten. Standen zuvor die 26.000 Punkte im Mittelpunkt, richten sich die Blicke nun vermehrt auf die 25.000er-Marke und darauf, ob sie bei anhaltenden Verlusten als Unterstützung hält.
Ein Mix aus höheren Energiepreisen und steigenden Zinsen erzeuge einen Teufelskreis, der Unternehmensperspektiven gleich mehrfach dämpfe, erklärt Altmann. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen stieg gestern auf 3,56 Prozent und damit auf den höchsten Wert seit 18 Jahren. Noch angespannter ist die Situation in Frankreich: Das Tageshoch von 4,53 Prozent bedeutete dort ebenfalls ein 18‑Jahres‑Hoch. Der Renditeabstand zwischen französischen und deutschen Papieren erreichte zudem ein 15‑Jahres‑Hoch – ein Misstrauenssignal, wie man es zuletzt auf dem Höhepunkt der Eurokrise 2011/2012 sah.
US-Anleihen über fünf Prozent
Auch in den USA sorgt der Zinsmarkt für Unruhe. Die Rendite zehnjähriger US-Treasuries stieg am Montag erstmals seit den Pandemie-Verwerfungen wieder über die Fünf-Prozent-Schwelle – getrieben von einem Krieg ohne absehbares Ende sowie daraus resultierenden Energiepreis- und Inflationssorgen.
Das wirkt bis in den Alltag hinein: Die Hypothekenzinsen in den USA nähern sich erneut der Sieben‑Prozent‑Marke. Am Markt wird diskutiert, ob fünf Prozent – wie 2023 – wieder als Decke wirken oder ob ein nachhaltiger Ausbruch droht, wie in den 2000er-Jahren.
BNP‑Paribas‑Stratege Stephan Kemper fasst die Lage zusammen: Ein geopolitisch bedingter Angebotsschock am Energiemarkt und die daraus resultierenden Zinsanstiege treffen auf eine innersektorale Debatte über das Tempo der KI‑Entwicklung – mit spürbaren Konsequenzen an den Finanzmärkten.
KI-Tempolimit bremst Aktienmärkte aus
Der Appell zu einer Pause bei der KI-Entwicklung drückte den Halbleiterindex Philadelphia Semiconductor um 5,9 Prozent nach unten; europäische Chipwerte gaben sogar 7,5 Prozent ab. Gegentrend: Cybersecurity‑Aktien legten zu – ein entsprechender Korb stieg laut Kemper um über zehn Prozent, der dritthöchste Tagesgewinn der letzten zehn Jahre.
Mit Blick auf die KI-Debatte kritisierte Digital-Staatssekretär Thomas Jarzombek den europäischen Kurs. Die EU habe den Schwerpunkt zu stark auf Regulierung gelegt, anstatt die Chancen der Technologie zu heben. Der AI Act habe komplexe Vorgaben geschaffen, die Entwickler nicht nach Europa ziehen, während die Industrie zugleich zu wenig in hiesige Rechenzentren investiert habe.
China mit schwachen Konjukturdaten
Aus China kommen derweil gemischte Signale. Die Einzelhandelsumsätze stiegen im August lediglich um 0,4 Prozent und damit schwächer als erwartet (Prognose: 0,8 Prozent). Positiv stach hingegen die Industrieproduktion mit plus 5,2 Prozent hervor. Die Investitionen in Sachanlagen nahmen weiter ab, die Immobilieninvestitionen sackten bis Ende August um rund 20 Prozent ab. Da das Wachstumsziel von 4,5 bis 5,0 Prozent wackelt, steigen die Chancen auf zusätzliche staatliche Stützungsmaßnahmen.
Übergewinnsteuer für Ölkonzerne?
In Deutschland flammt unterdessen eine politische Diskussion über die stark gestiegenen Spritpreise auf. Schleswig-Holsteins SPD-Landeschef Ulf Kämpfer plädierte für eine Übergewinnsteuer für Mineralölkonzerne und warf ihnen vor, internationale Krisen als Geschäftsmodell zu nutzen. Die daraus erzielten Einnahmen sollten gezielt Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen, Pendlern sowie kleinen Betrieben zugutekommen.