Auch wenn die USA und der Iran ein Friedensabkommen schließen: Nach Einschätzung von Experten dürfte die Wiederöffnung der Straße von Hormus und die Reparatur der Energieinfrastruktur Monate, wenn nicht Jahre dauern.
Saudi-Aramco-Chef spricht deutliche Warnung aus
Selbst bei einer Beruhigung der Lage ist eine sofortige Rückkehr der Energiemärkte und globalen Lieferketten zur Normalität unrealistisch, betonen Fachleute. Die Nachwirkungen könnten noch viele weitere Monate oder sogar Jahre spürbar bleiben.
Amin Nasser ist Hauptgeschäftsführer von Saudi Aramco, dem größten Erdölproduzenten der Golfregion. Im vergangenen Monat erklärte er gegenüber Investoren, es würde “Monate dauern bis sich der Markt wieder im Gleichgewicht befindet”. Sollte die Blockade auch nur einige Wochen länger anhalten, würde “eine Normalisierung bis 2027 dauern”.
Trotz brüchiger Waffenruhe und mehrfach gescheiterter Friedensgespräche durchquert weiterhin nur ein Bruchteil der üblichen Zahl an Schiffen die schmale Meerenge zwischen Iran und Oman.
Rohölpreise liegen rund 30 Prozent über dem Vorkriegsniveau und treiben Kosten für Benzin, Diesel und Dünger deutlich nach oben. Diese Mehrkosten schüren weltweit die Inflation und belasten Lieferketten. Da bei der Düngemittelproduktion Erdgas eine zentrale Rolle spielt, steigen auch die Lebensmittelpreise global.
Straße von Hormus: Neustart mit Hürden und Unterbrechungen
Nach einem Friedensschluss müssten Reedereien zunächst wieder Vertrauen fassen, um ihre Besatzungen in die Golfregion zu entsenden, heben Experten hervor. Das könnte eine Beobachtungsphase von 30 bis 45 Tagen bedeuten. Zusätzlich wären Sicherheitsmaßnahmen nötig, um vereinzelte Angriffe auf Schiffe abzuwehren – darunter internationale Marinepatrouillen.
Reedereien und Crews agieren weiterhin sehr vorsichtig, da die Angriffe auf Schiffe in der Straße von Hormus andauern, sagte Chevron-Chef Mike Wirth am 29. Mai der Nachrichtenagentur Bloomberg. Allein in der Vorwoche seien mehrere Schiffe getroffen worden. Eine Wiedereröffnung der Meerenge werde daher voraussichtlich ein Prozess mit vielen Unterbrechungen, fügte er hinzu.
“Es bedarf nur eines Angriffs auf ein Schiff, um die große Mehrheit abzuschrecken”, sagt Neil Crosby vom Marktforschungsunternehmen Sparta Commodities zur DW. Inzwischen hätten Reedereien ihre Einnahmen aus der Golfregion durch andere Fahrten ersetzt: “Warum also das Risiko eingehen?”
Die Kriegsrisikoprämien für Passagen durch die Straße von Hormus sind bei Lloyd’s of London, dem führenden Markt für Seeversicherungen, sprunghaft angestiegen. Selbst nach dem am 8. April in Kraft getretenen Waffenstillstand bleiben sie auf hohem Niveau.
Ist die Meerenge erst gesichert, müssen die im Golf festliegenden Schiffe ungehindert auslaufen, während andere Schiffe von weiter entfernten Häfen – teils vom anderen Ende der Welt – zur Straße von Hormus aufbrechen, um neue Ladung zu übernehmen. “Dieser Vorgang könnte acht Wochen oder mehr in Anspruch nehmen, je nachdem wie lange die einzelnen Schritte dauern”, warnt Crosby.
Sicherheitschecks bremsen die Wiederaufnahme
Beschädigungen an der Energieinfrastruktur der Golfstaaten führen zu zusätzlichen Verzögerungen. Zahlreiche Ölfelder, Pipelines, Raffinerien und LNG-Anlagen wurden getroffen. Die Kosten für die Instandsetzung schätzte Rystad Energy im April auf 21,7 bis 50,3 Milliarden Euro.
Besonders schwer betroffen ist die riesige LNG-Anlage Ras Laffan in Katar. Iranische Luftangriffe legten dort 17 Prozent der LNG-Kapazitäten des Landes lahm. Drei bis fünf Jahre könnten die Reparaturen bis zur vollständigen Wiederherstellung dauern, warnen katarische Regierungsvertreter.
Zudem könnten LNG-Produzenten noch Jahre mit der Beilegung von Vertragsstreitigkeiten wegen ausgefallener Lieferungen befasst sein, und Rückstände bei Aufträgen könnten bis ins kommende Jahr die Frachtpläne belasten, erklärten Juristen gegenüber S&P Global Energy Platts, einem führenden Anbieter von Referenzpreisen für Energie- und Rohstoffe. Dazu zählen auch strittige Ansprüche aus “höherer Gewalt”, also rechtliche Erklärungen, wonach der Krieg die Erfüllung von LNG-Lieferverpflichtungen unmöglich gemacht habe.
Auch andere Energieanlagen stehen vor wochen- bis monatelangen Reparatur- und Wartungsarbeiten – nicht zuletzt wegen Komplikationen nach langen Produktionsstopps und umfassenden erforderlichen Sicherheitsprüfungen.
In seit März stillstehenden Anlagen haben sich Drücke aufgebaut, es gibt Ablagerungen, und es muss auf Korrosion geprüft werden. Das erfordert gründliche Inspektionen und eine schrittweise, vorsichtige Wiederinbetriebnahme, um Unfälle zu vermeiden. Hinzu kommt: Ersatzteile waren bereits vor dem Krieg knapp.
Ölvorräte schwinden
Crosby rechnet bis zum Sommer zudem mit einem “Lagerbestandsproblem”, weil andere Segmente des globalen Ölmarkts die Engpässe aus der Golfregion vorübergehend kompensiert haben. So haben die USA ihre Ölförderung seit Kriegsbeginn auf Rekordniveau erhöht.
China hat verstärkt auf eigene strategische Ölreserven zurückgegriffen und seine Rohölimporte um 3,5 Millionen Barrel pro Tag reduziert. Auch die Mitgliedsstaaten der Internationalen Energieagentur (IEA) haben Reserven angezapft.
Diese Maßnahmen sind jedoch nicht nachhaltig. Die US-Ölvorräte dürften in den kommenden Monaten ein kritisch niedriges Niveau erreichen, während China seine Importe bald wieder hochfahren muss und dann erneut mit dem Rest der Welt um begrenzte Mengen konkurriert.
“Sobald [die Ölvorräte] zur Neige gehen, sind höhere Preise unausweichlich. Nur höhere Preise können die Nachfrage wirklich eindämmen”, sagt Crosby zur DW. Der Ölpreis könne sich verdoppeln, warnt er – mit der Folge einer weltweiten Rezession.
Aus dem Englischen adaptiert von Phoenix Hanzo.