Fallende Ölnotierungen, neue Hoffnungen auf sinkende Zinsen und zunehmende Skepsis gegenüber dem KI-Hype prägen aktuell das Marktgeschehen. Warum Aktien auf lange Sicht dennoch gute Perspektiven bieten und worauf Anleger jetzt achten sollten.
In der Wirtschaft hängt alles zusammen: Günstigere Energie dämpft Preise, Zinsen und die Ausrichtung der Geldpolitik. Wie Spuren im Sand zeigt sich die nachlassende Inflationserwartung an den Zinsmärkten: Die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen liegt klar unter ihrem Jahreshoch von 4,7 Prozent.
Fed-Politik: restriktiv, aber abgeschwächt
Gemäß dem Prinzip der „heißen Kartoffel“ wird auch die US-Notenbank darauf reagieren. Zwar hat ihr neuer Vorsitzender, Kevin Warsh, bei seinem ersten großen Auftritt als Fed-Chef den Kampf gegen die Inflation deutlich hervorgehoben – wohl auch, um jegliche Nähe zum US-Präsidenten zu vermeiden, der Zinssenkungen ähnlich schätzt wie Golf.
Die Märkte preisen jedoch bereits eine deutlich entschärfte restriktive Linie ein. Kurzfristig spricht vieles für eine freundliche Seitwärtsphase, ab 2027 dann für Rückenwind durch fallende Teuerung. Denn im Jahresvergleich dürfte die Inflation ab dem Frühjahr 2027 spürbar nachgeben – und die Finanzmärkte agieren bekanntlich vorauseilend.
Auch von der EZB droht keine Eiskalte Dusche: Die schwachen beziehungsweise kaum vorhandenen Wachstumsraten lassen kaum Raum für eine strikte Geldpolitik.
Top-Börsenthema: KI zwischen Vision und Wirklichkeit
Von der Geldpolitik droht den Aktienmärkten – insbesondere High-Tech – daher aktuell kein großer Gegenwind.
Gleichzeitig geraten die Bewertungen fundamental unter Druck. Reicht das künftige Wachstum aus, um die Milliardeninvestitionen in KI zu rechtfertigen? Würden gekürzte Budgets für Rechenzentren und KI-Infrastruktur nicht ein schlechtes Omen für den gesamten Tech-Sektor senden? Und drohen in der Q2-Berichtssaison Rücksetzer, wenn Ergebnisse oder Ausblicke auch nur leicht verfehlen?
Zudem ist die Branche eng verzahnt: Investoren, Kunden, Anteilseigner und Zulieferer sind häufig identisch. In guten Zeiten stabilisiert diese „High-Tech AG“ das System, in Schwächephasen kann ein wackliger Partner jedoch die gesamte Kette mit nach unten ziehen.
Skepsis rund um den KI-Boom
Ist der Gang an den Anleihemarkt nicht ein klares Signal, dass die Eigenkapitalfinanzierung ausgelotet ist und frisches Geld dringend gebraucht wird? Und wie steht es um technologische Disruption: Was heute führend ist, kann morgen veraltet sein – zumal die Konkurrenz aus China nicht schläft.
Zeigt die mögliche Verschiebung des OpenAI-Börsengangs nicht ohnehin Zweifel an einer Fortsetzung der KI-Rallye? Und liegt die enge Verzahnung von KI und Raumfahrt nicht noch weit in der Zukunft? Ist KI also nur ein kurzfristiger Zeitgeist ohne tragfähige Substanz? Berechtigte Fragen – es gibt jedoch ebenso überzeugende Antworten.
China erhöht den Druck
Der Ausbau der KI-Infrastruktur ist ein langfristig wachsendes Megageschäft. Weil China geostrategische Stärke über technologische Führerschaft definiert, muss Amerika mit weiteren Quantensprüngen nachlegen. KI wird ganze Branchen – von Industrie über Gesundheitswesen bis Finanzsektor – messbar produktiver machen.
Die großen Cloud-Anbieter stemmen den Großteil der Investitionen: Sie verfügen über reichlich Cash – und nutzen dennoch die Gelegenheit, zusätzliches Kapital zu beschaffen. Wir sprechen schließlich von den USA.
Es gibt Unternehmen mit außergewöhnlich hohen Margen. Die Nachfrage nach HBM-Speicherchips für KI-Rechenzentren scheint ungebrochen. Und manche Konzerne finanzieren Entwicklungen in Bereich B mit Gewinnen aus Bereich A. Raumfahrt, Satelliten und KI wachsen schrittweise zusammen – aus Vision wird Realität.
Rückschläge sind Teil des KI-Zyklus
Auf dem Weg von der Idee zur Umsetzung wird es zwangsläufig Enttäuschungen und Kurskorrekturen geben – etwa, wenn Quartalszahlen nicht dem olympischen Motto „schneller, höher, stärker“ gerecht werden. Auch künftig wird es in der (Finanz-)Welt den ein oder anderen schwarzen Schwan geben.
Am langfristigen Potenzial ändert das wenig. Und der Blick sollte nicht nur den Schwergewichten gelten: Die weiterhin pionierhafte High-Tech-Branche wird viele neue, aussichtsreiche Akteure hervorbringen.
Außerdem bietet der Aktienmarkt mehr als nur Tech: Mit sinkenden Ölpreisen und nachgebenden Renditen gewinnen etwa Industrie- sowie Rohstoff- und Minenwerte an Charme. Wie beim Sommereis gibt es neben Vanille auch Erdbeere, Schokolade und mehr.
Über den Sommer ist mit höherer Volatilität zu rechnen, weil die genannten Pro-Argumente immer wieder auf den Prüfstand kommen. Und selbst im Sommer scheint nicht täglich die Sonne.
Doch ohne Schwankungen keine Chancen: Von Volatilität profitieren Anleger besonders mit regelmäßigen Sparplänen.