Die Märkte kalkulieren derzeit nur mit wenigen zusätzlichen Zinserhöhungen. Eine historische Auswertung der Deutschen Bank warnt jedoch: Die eigentliche Phase der Straffung könnte erst noch bevorstehen.
Die Zuversicht, dass die Zinsen bald wieder sinken, erhält einen weiteren Dämpfer. Nach Ansicht der Deutschen Bank dürfte der begonnene Straffungszyklus von Fed, EZB und anderen Zentralbanken deutlich intensiver ausfallen, als es die Märkte momentan einpreisen.
Makrostratege Henry Allen verweist nicht nur auf den jüngsten Sprung bei den Energiepreisen. Vor allem die Erfahrungen früherer Zinswenden sprächen dafür, dass Anleger zu Beginn solcher Phasen regelmäßig unterschätzen, wie weit die Zinsen am Ende tatsächlich steigen.
Das Wichtigste aus der Analyse:
- Die Deutsche Bank hält die aktuellen Markterwartungen für zu niedrig: In der Vergangenheit fielen Zinsanhebungszyklen oft länger und kräftiger aus als anfangs angenommen.
- Steigende Energiekosten könnten die Teuerung weiter antreiben: Teureres Öl und höhere Rohstoffpreise verteuern mit Verzögerung Transport, Produktion und schließlich Konsumgüter.
- Die Notenbanken wollen Fehler aus 2021 und 2022 vermeiden: Damals erfolgte die Reaktion auf die wachsende Inflation zu spät.
- Weitere Zinsschritte wären für Verbraucher spürbar: Kredite, Baufinanzierungen und Unternehmensinvestitionen würden teurer.
Warum die Deutsche Bank zusätzliche Zinsschritte erwartet
Die Ausgangslage hat sich binnen weniger Wochen spürbar gewandelt. Die Europäische Zentralbank hob am 10. September die Leitzinsen um 25 Basispunkte an. Der Einlagenzins beträgt seither 2,50 Prozent.
Als Begründung verweist die EZB auf den anhaltenden Inflationsdruck im Zuge des Konflikts im Nahen Osten. Für 2027 prognostiziert sie mittlerweile eine durchschnittliche Teuerung von 2,5 Prozent – und damit weiterhin deutlich über ihrem Ziel von zwei Prozent.
Genau hier setzt Allen an. In einer aktuellen Analyse warnt der Deutsche-Bank-Stratege, es gebe „triftige Gründe anzunehmen, dass Investoren das Ausmaß der noch ausstehenden Schritte unterschätzen könnten“.
Als einen Treiber nennt er den jüngsten Anstieg der Rohstoffpreise. Dieser könne die Inflation weiter anheizen, auch wenn sich der Effekt in Daten und Umfragen bisher nur teilweise widerspiegele.
Ein einfaches Beispiel verdeutlicht das: Wird Öl teurer, betrifft das nicht nur den Preis an der Zapfsäule. Transporte kosten mehr, Airlines und Logistiker zahlen höhere Gebühren, Chemieunternehmen sehen steigende Produktionskosten. Ein Teil dieser Belastungen wird zeitverzögert an die Kunden weitergereicht.
2022 lagen Anleger deutlich daneben
Zudem spielt Psychologie in den Zentralbanken eine Rolle. Fed und EZB mussten sich 2021/2022 vorhalten lassen, die Inflation zu lange verkannt zu haben. Entsprechend könnten sie nun geneigt sein, auf der Gegenseite vorsichtiger zu agieren und fester auf die Bremse zu treten.
Historische Daten stützen diese Warnung zumindest teilweise. Eine Auswertung der Deutschen Bank zu 14 Fed-Zinsanhebungszyklen seit Mitte der 1950er-Jahre zeigt: Im Mittel hielten sie rund 22 Monate an und summierten sich auf 478 Basispunkte.
100 Basispunkte entsprechen einem Prozentpunkt. Die seinerzeit von den Märkten erwarteten etwa 95 Basispunkte für das nächste Jahr wären im historischen Kontext außergewöhnlich gering.
Auch im Jahr 2022 irrten Anleger deutlich: Die Fed startete mit einem kleinen Schritt von 25 Basispunkten, erhöhte später jedoch mehrfach um 75 Basispunkte. Aus einer vorsichtigen Wende wurde binnen weniger Monate eine kräftige Straffung.
Der Trump-Faktor greift nicht bei allen Zentralbanken
Im Unterschied zu 2022 spielt aktuell auch ein politischer Faktor eine Rolle: Donald Trump. Der US-Präsident fordert öffentlich deutlich niedrigere Zinsen und hat mit Kevin Warsh einen von ihm selbst ausgewählten Fed-Chef im Amt.
Wie stark dieser politische Druck die Geldpolitik tatsächlich prägt, lässt sich bislang kaum einschätzen. Bei der jüngsten Entscheidung ignorierte die Fed jedenfalls Trumps Wunsch nach niedrigeren Zinsen.
Trump forderte im Anschluss abermals Zinsen von maximal einem Prozent. Warsh rechtfertigte den Beschluss hingegen mit der weiterhin hohen Inflation und schloss zusätzliche Anhebungen nicht aus.
Zudem gilt: Selbst ein US-Präsident, der kräftig Druck auf die Fed ausübt, hat keinen Einfluss auf EZB, Bank of Japan oder andere unabhängige Notenbanken. Der aktuelle globale Straffungszyklus hängt daher nicht allein von der Linie des Weißen Hauses ab.
Höhere Zinsen sind dennoch nicht sicher
Eine Wiederholung der Dynamik von 2022 ist jedoch keineswegs ausgemacht. Die Nachrichtenagentur Reuters verweist darauf, dass manche Ökonomen die aktuellen Zinserwartungen bereits für sehr ambitioniert halten. Bleibt die Kerninflation relativ stabil und dämpfen höhere Energiepreise zugleich Konsum und Wachstum, könnten die Notenbanken früher pausieren.
Darin liegt das gegenwärtige Dilemma: Eine robuste Wirtschaft und feste Aktienmärkte verschaffen weiteren Zinsschritten Luft. Schwächeln Konjunktur und Nachfrage hingegen stärker, schrumpft dieser Spielraum.
Für Privathaushalte heißt das vor allem: Eine Rückkehr zu extrem billigem Geld ist vorerst unwahrscheinlich. Und behält die Deutsche Bank mit ihrem historischen Vergleich recht, dürften die Zinsen nicht nur länger oben bleiben, sondern zunächst sogar noch spürbar weiter steigen.