Krisen, Teuerung, Rezessionsängste – dennoch zeigt sich der DAX widerstandsfähig. Warum Anleger ausgerechnet jetzt ihre gewohnten Sicherheitsannahmen prüfen sollten.
Wer derzeit die Schlagzeilen verfolgt, findet zahlreiche Gründe für Irritation. Geopolitische Konflikte, teurere Energie, Inflationszahlen aus den USA, eine schwächelnde deutsche Konjunktur und die Frage, wie weit die Notenbanken ihre Zinsen tatsächlich senken können. Die Liste der Unsicherheiten ist lang.
Ronny Wagner setzt als Finanzstratege und Geschäftsführer der Nobel Metal Factory OHG seit nahezu drei Jahrzehnten auf Rohstoffe und Edelmetalle. Er gehört zu unserem Expertennetzwerk EXPERTS Circle.
Trotzdem präsentieren sich die Aktienmärkte erstaunlich stabil. Der DAX notiert nahe historischer Höchststände. Rücksetzer werden zügig ausgebügelt, viele Investoren bleiben auffallend ruhig.
Mich treibt deshalb weniger um, wohin der DAX morgen tendiert. Spannender ist für mich, weshalb so viele Investoren davon ausgehen, dass die Börsen auch künftig jede Krise relativ unbeschadet überstehen.
Der DAX bildet nicht die gesamte Realität ab
Wer nur auf den deutschen Leitindex schaut, könnte meinen, der heimischen Wirtschaft gehe es besser als oft behauptet. Dieser Schluss ist jedoch verkürzt. Der DAX spiegelt nicht die deutsche Volkswirtschaft wider.
Viele Indexmitglieder erwirtschaften einen großen Teil ihrer Umsätze außerhalb Deutschlands. Internationale Märkte, Wechselkurse und die globale Konjunktur prägen ihre Gewinne oft stärker als die heimische Wirtschaftslage.
Daher können Börsen und Realwirtschaft über längere Zeit auseinanderlaufen. Das erklärt, warum der DAX relativ stabil bleibt, obwohl zahlreiche Firmen hierzulande mit hohen Kosten, Zurückhaltung bei Investitionen und einer schwachen Konjunktur ringen. Doch die wirklich interessante Frage ist damit noch nicht geklärt.
Warum bleiben die Märkte so entspannt?
Nach meinem Eindruck hat sich über die Jahre eine feste Überzeugung etabliert: Immer dann, wenn es ernst wurde, sprangen die Zentralbanken ein. Nach der Finanzkrise. In der Eurokrise. Während der Corona-Zeit.
Mit Zinssenkungen, Anleihekäufen und zusätzlicher Liquidität stabilisierten sie die Finanzmärkte häufig rasch. Dafür hat sich ein Begriff eingebürgert: Fed Put.
Gemeint ist die Erwartung vieler Marktteilnehmer, dass die US-Notenbank im Notfall bereitsteht, um die Märkte zu stützen. Dieses Denken beschränkte sich im Laufe der Zeit aber längst nicht mehr nur auf die Federal Reserve.
Auch die Europäische Zentralbank, die Bank of England oder die Bank of Japan vermittelten über Jahre das Signal, im Zweifel einzugreifen, um größere Marktverwerfungen zu verhindern.
Daraus entstand für viele Anleger eine stille Gewissheit: Kommt die große Krise, helfen die Zentralbanken.
Dieses Sicherheitsversprechen könnte wackeln
Im Unterschied zu früheren Krisen gibt es heute einen entscheidenden Faktor: Die Inflation ist zurück – und sie begrenzt den Spielraum der Notenbanken.
Wer Preisstabilität sichern muss, kann die Geldpolitik nicht nach Belieben lockern, sobald die Börsen schwächeln. Jede Zinssenkung und jede Liquiditätsspritze ist heute sorgfältig gegen das Risiko eines erneuten Inflationsschubs abzuwägen.
Das heißt nicht, dass Zentralbanken künftig gar nicht mehr intervenieren. Es bedeutet aber, dass ihnen wohl nicht mehr dieselbe Freiheit zur Verfügung steht wie in den vergangenen 15 Jahren. Genau dieser Unterschied wird aus meiner Sicht oft unterschätzt.
Oft werde ich gefragt, wie sich die Börsen in den nächsten Monaten entwickeln. Darauf gibt es keine seriöse Prognose. Niemand weiß, wo der DAX in sechs Monaten steht. Die relevantere Frage lautet für mich: Wie widerstandsfähig ist mein Vermögen, wenn die Spielregeln der vergangenen fünfzehn Jahre nicht mehr gelten?
Darum sollte es im langfristigen Vermögensaufbau gehen: nicht um die Vorhersage des nächsten Rekords, sondern darum, das eigene Portfolio so zu strukturieren, dass es auch bei grundlegend veränderten Rahmenbedingungen Bestand hat.
Steigende Kurse bedeuten nicht, dass Risiken weg sind
Mich beunruhigen nicht höhere Kurse. Unruhig werde ich, wenn Anleger glauben, steigende Märkte ließen Risiken verschwinden. Möglicherweise befinden wir uns in einer Phase weiter steigender Kurse – vielleicht aber auch nicht.
Entscheidend ist etwas anderes: Wer Vermögen langfristig schützen will, sollte sich nicht auf vermeintliche Sicherheiten der Vergangenheit verlassen. Denn die gefährlichsten Risiken entstehen oft dann, wenn die Mehrheit davon überzeugt ist, dass das alte Sicherheitsnetz auch künftig zuverlässig trägt.