Autotitel machen im Dax nur noch 4,3 Prozent aus, dennoch dürfte 2026 ein Rekordgewinn winken. Andere Branchen rücken nach – ein Risiko für Anleger bleibt jedoch bestehen.
Die 40 Dax-Konzerne dürften 2026 den höchsten Gewinn ihrer Historie erreichen. Treiber ist allerdings nicht mehr die über Jahrzehnte prägende Autoindustrie, sondern ein breiteres Gemisch aus Software, Industrie, Finanzwerten, Infrastruktur, Verteidigung und Energie.
Das ist mehr als nur eine Momentaufnahme, denn der Dax ist heute ein anderer Index als vor zehn Jahren. Gleichwohl gilt: Ein moderner aufgestellter Index wird dadurch nicht automatisch zum besseren Kernbaustein für jedes Depot.
Die Autoindustrie verliert im Dax seit Jahren an Gewicht
Der Bedeutungsverlust der Autoindustrie im Dax ist kein kurzfristiges Phänomen, sondern setzt sich seit Jahren fort. 2015 lagen Autowerte noch bei rund 18 Prozent des Index, im August 2026 sind es nur noch etwa 4,3 Prozent. Gleichzeitig sank der Gewinnbeitrag von BMW, Mercedes-Benz und VW vom Rekordjahr 2021 mit rund 50 Milliarden Euro auf voraussichtlich gut 17 Milliarden Euro im Jahr 2026.
Den Rekord 2026 tragen vielmehr andere Bereiche: Software, Industrie- und Energieinfrastruktur, Versicherungen sowie Luftfahrt und Verteidigung. Dass mindestens 13 Dax-Konzerne auf eigene Gewinnbestmarken zulaufen, zeigt, dass der Schub nicht an einem einzelnen Schwergewicht hängt.
Ein Teil des Rekords ist jedoch zyklisch, nicht strukturell. Nicht alles, was derzeit glänzt, ist schon ein dauerhaft tragfähiges Geschäftsmodell. Der weltweite Investitionsschub in KI-Rechenzentren, der Ausbau der Energieinfrastruktur und höhere Verteidigungsbudgets wirken politisch und konjunkturell getrieben. Zudem gibt es Sondereffekte in einzelnen Bilanzen, etwa durch Beteiligungsverkäufe.
Wer den Rekord 2026 linear in die Zukunft überträgt, verwechselt eine volle Auftragslage mit einer dauerhaften Ertragsbasis. Verlässlich ist vor allem die Verschiebung der Gewichte – nicht die exakte Höhe des Gewinns.
Der blinde Fleck: Rekordgewinne bei gleichzeitigen Jobkürzungen
Im ersten Quartal 2026 ging die Beschäftigung in den Dax-Unternehmen um rund ein Prozent zurück; das entspricht etwa 31.000 Stellen weniger als im Vorjahr. Die Pointe bleibt: Der Gewinn der Dax-Konzerne taugt längst nicht mehr als verlässlicher Indikator für die Lage des Standorts Deutschland insgesamt.
Oft werden die Gewinne im Ausland erwirtschaftet, gespart wird im Inland. Für das Depot von Anlegerinnen und Anlegern ist das positiv, für den Arbeitsmarkt hingegen negativ.
Macht die gesunkene Autoabhängigkeit den Dax attraktiver?
In einem Index, in dem eine strukturell herausfordernde Branche nur noch rund vier Prozent wiegt, schlagen deren Krisen weniger stark durch. Die Ertragsquellen sind breiter: Industrie, Finanzwerte, Infrastruktur, Software und Verteidigung folgen unterschiedlichen Zyklen. Das macht den Dax robuster als in Zeiten, als drei Autokonzerne ihn maßgeblich mitprägten.
Das löst jedoch das Grundproblem nicht. Der Dax bleibt ein Index mit 40 Unternehmen aus nur einem Land, dessen Spitze stark konzentriert ist. Die Schwergewichte sind hoch genug gewichtet, dass einzelne Titel und Sektoren den Index klar prägen. Ein Klumpenrisiko verschwindet nicht mit neuem Namen – es verlagert sich lediglich.
Hinzu kommen Währungs- und Standortfragen: Die Gewinne entstehen weltweit, doch aus Anlegersicht bleibt das Risiko in hohem Maß an Deutschland gekoppelt. Ein global gestreuter Aktien-ETF enthält Deutschland ohnehin – in dem Anteil, der der Weltwirtschaft entspricht, nicht in dem Anteil, den der eigene Wohnort nahelegt.
Der Strukturwandel spricht also dagegen, den Dax abzuschreiben. Er rechtfertigt aber nicht, ihn zum Herzstück des Depots zu machen.
Diese Bereiche könnten vom neuen Erfolgsmodell profitieren
Anstatt auf einzelne Aktien zu schauen, lohnt sich der Blick auf die Ertragsmuster, die den Rekord tragen:
Muster 1: Lieferanten der digitalen Welt
Deutschland hat keine Hyperscaler. Aber deutsche Firmen liefern viele Bausteine, die KI und Digitalisierung physisch benötigen: Energieversorgung, Kühlung, Schaltanlagen, Spezialtechnik und industrielle Infrastruktur. Das ist die realwirtschaftliche Seite des KI-Booms – weniger spektakulär, dafür oft mit gut gefüllten Auftragsbüchern.
Muster 2: Kapitalsammelstellen
Versicherer profitieren von einem Umfeld mit auskömmlicheren Zinsen und stabileren Kapitalanlagen. Zusammen mit hoher Aktivität an den Kapitalmärkten ist der Finanzsektor zu einer tragenden Säule des Dax geworden.
Muster 3: Staatlich befeuerte Nachfrage
Netzausbau, Energiewende und Verteidigungsausgaben erzeugen Nachfrage, die weniger vom Konsumklima abhängt. Das erklärt einen Teil der neuen Gewinnstärke – macht den Aufschwung zugleich politisch abhängiger als klassische Konsumnachfrage.
Die Autoindustrie ist nicht verschwunden. Sie ist nur so weit relativiert, dass sie den Index kaum noch dominieren kann – weder positiv noch negativ.
Warum das für Anlegerinnen und Anleger praktisch wichtig ist
Viele Menschen in Deutschland setzen Aktienanlage noch immer mit „Dax“ gleich. Genau diese Gleichsetzung ist teuer. Der „Home Bias“, also die übermäßige Konzentration auf den Heimatmarkt, führt zu einem Depot, das ein einziges Land, eine Währungssphäre und wenige Großkonzerne abbildet. Wer zudem in Deutschland arbeitet, trägt das Standortrisiko bereits über das eigene Gehalt. Das Depot sollte dieses Risiko nicht zusätzlich erhöhen.
Die praktische Konsequenz aus dem Dax-Rekord ist unspektakulär: global breit gestreut investieren, Deutschland darin berücksichtigen und Rekordmeldungen nicht als Einstiegssignal missverstehen. Wer den Dax als Beimischung halten will, kann das bewusst tun – als Entscheidung, nicht aus Gewohnheit.