KI senkt die Kosten für Cyberattacken auf ein Minimum. Was das für Unternehmen bedeutet – und warum Investoren die Verteidigungstitel im Blick behalten sollten.
Anfang Juli 2026 tauchte in Taiwans Behördennetz ein neuer Gegner auf. Er kannte keine Müdigkeit, keine Pausen – und operierte parallel in bis zu acht Threads. Nach nur vier Tagen waren 21 Systeme ausgeleuchtet, 85 Konten kompromittiert und 2564 Personalakten exfiltriert. Sogar die Atomaufsicht geriet ins Fadenkreuz. Die israelische Sicherheitsfirma Dream rekonstruierte den Vorfall aus einem vom Täter im Netz zurückgelassenen Archiv. Ihr Fazit: Den Großteil erledigten KI-Agenten; Menschen setzten lediglich die Zielkoordinaten. Die eingesetzten Tools hießen Hermes und OpenClaw – beide frei verfügbar.
Hermann Sauer ist IT-Sicherheitsexperte und setzt sich seit über 20 Jahren für Datenschutz und Online-Anonymität ein. Er gehört zu unserem Expertennetzwerk EXPERTS Circle.
Doppelte Schlagzahl – für alle
Der Fall fügt sich in eine Zahl, die im August 2026 für Aufmerksamkeit sorgte. Die taiwanische Analysefirma TeamT5 beobachtet seit Jahren chinesische staatliche Hacker – und verzeichnet seit deren KI-Umstieg bei unveränderter Teamgröße mehr als doppelt so viele Attacken.
Als Arbeitspferd dient häufig DeepSeek, das wohl bekannteste chinesische Sprachmodell: leistungsstark, extrem günstig, und seine Schutzmechanismen lassen sich leichter aushebeln als bei westlichen Pendants. Forscher von Palo Alto Networks schilderten zudem einen Einzeltäter aus Südchina, dessen KI-Agent im Mai 2026 autonom das Netz nach verwundbarer Software scannte. Ergebnis: 647.000 Installationen eines einzigen Programms – und massenhaft Tests mit Exploits aus öffentlichen Quellen.
Dass in vielen Berichten China auffällt, liegt eher am Fokus der Beobachter als an den Tools selbst. Taiwanische und westliche Forscher schauen dort besonders genau hin. Google meldet ein ähnliches Muster bei Gruppen aus Nordkorea, Iran und Russland. Gerade russische Akteure setzen längst auf Quantität statt Qualität – vom Ransomware-Kartell bis zur Sabotage an Stromnetzen. Und für Erpressung braucht es keinen Staatsapparat: Die Programme laufen auf jedem gemieteten Server. Für Opfer ist die Herkunft ohnehin zweitrangig.
Neu ist nicht die Qualität, sondern der Preis
Bemerkenswert: Die Angriffe sind nicht raffinierter geworden. Googles Threat-Researcher haben bis heute keinen Fall gefunden, in dem KI eine völlig neue Angriffstechnik hervorgebracht hätte. Der Agent aus Südchina scheiterte reihenweise an simplen Passwortabfragen; von über 460 Versuchen waren lediglich 14 erfolgreich. Eine schwache Quote – die jedoch irrelevant wird, wenn der einzelne Versuch praktisch nichts kostet.
Genau diese Verschiebung zeichnete der OpenAI-Vorfall vom Juli 2026 bereits vor: Eine zu Testzwecken freigesetzte KI drang binnen Stunden in Fremdsysteme ein. Die Lehre bestätigt sich nun im Realbetrieb: Angriffe kosten keine Gehälter mehr, sondern Rechenzeit. Bislang schützte kleine Firmen die Rechnung, dass sich teure Hacker für sie nicht lohnen. Diese Logik gilt nicht mehr.
Unternehmen zahlen bereits – nur noch nicht ausreichend
Die Schäden sind hierzulande schon massiv. Der Branchenverband Bitkom beziffert sie in seiner Ende August 2026 gemeinsam mit dem Verfassungsschutz vorgestellten Studie auf 211 bis 271 Milliarden Euro in den vergangenen zwölf Monaten, davon rund drei Viertel durch Cyberangriffe. 82 Prozent der Firmen rechnen damit, dass KI die Attacken weiter befeuert. Gleichzeitig fließen im Schnitt nur 18 Prozent des IT-Budgets in Sicherheit – empfohlen werden 20 Prozent.
Diese Lücke schließt sich – und zwar nachhaltig. Gartner erwartet für 2026 weltweite Sicherheitsausgaben von 249 Milliarden US-Dollar, rund ein Achtel mehr als 2025. Der Posten für KI-gestützte Security verdoppelt sich gegenüber 2025 auf gut 51 Milliarden US-Dollar. Neben der Bedrohungslage treiben auch Regulierungen wie die EU-Richtlinie NIS2, die Mindeststandards vorschreibt. Solche Budgets werden selbst in Abschwüngen selten gekappt.
Konsequenzen für Anleger
An der Börse ist das Thema angekommen. Nach der Sicherheitskonferenz Black Hat Anfang August 2026, auf der KI-getriebene Angriffe dominierten, sprangen die Aktien von CrowdStrike und Palo Alto Networks auf Rekordniveaus. Wichtiger als die Kursreaktion ist jedoch, wohin die Budgets der Unternehmenskunden fließen.
Drei Bereiche ragen heraus. Erstens Identity-Schutz, denn KI-Agenten zielen bevorzugt auf Zugangsdaten und Passwörter; Marktführer Palo Alto schluckte den Spezialisten CyberArk im Februar 2026 für rund 25 Milliarden US-Dollar.
Zweitens automatisierte Abwehr, weil menschliche Analysten Angriffe im Sekundentakt nicht abfangen können; hier positionieren sich CrowdStrike, SentinelOne und Microsoft. Drittens Managed-Security-Dienstleister, die dem Mittelstand die Arbeit abnehmen, dem schlicht Fachkräfte fehlen. Wer keine Einzeltitel wählen will, greift zu breit gestreuten Cybersecurity-ETFs.
Nüchterne Einordnung
Drei Punkte gehören zur Wahrheit. Erstens: Die alarmierendsten Zahlen stammen häufig von Sicherheitsanbietern, die an der Angst mitverdienen; unabhängige Prüfungen sind rar. Zweitens: Die Verteidiger rüsten mit derselben Technik auf – Google lässt etwa Sicherheitslücken maschinell entdecken und schließen, bevor Angreifer sie ausnutzen.
Drittens: Nach dem starken Lauf sind viele Security-Titel hoch bewertet – Rücksetzer inbegriffen. Die Nachfrage nach digitaler Abwehr dürfte jedoch so stetig zunehmen wie die Zahl der Angriffe. Dieser Beitrag dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar.