Die Cannabisbranche richtet den Blick gespannt auf die USA. Ein regulatorischer Beschluss könnte die wirtschaftlichen Perspektiven zahlreicher Hersteller tiefgreifend verändern und eine Neubewertung des Sektors auslösen.
Nach Jahren der Ernüchterung und Kursrückgängen von nahezu 100 Prozent könnte für Cannabis-Aktien eine der prägendsten Wochen ihrer Börsengeschichte anbrechen. An diesem Montag, dem 29. Juni, hat vor der US-Drogenbehörde DEA das lang erwartete Anhörungsverfahren zur vorgesehenen Neueinstufung von Cannabis begonnen.
Für Investoren steht weit mehr auf dem Spiel als eine reine Formsache. Der Beschluss könnte die Profitabilität zahlreicher Firmen nachhaltig beeinflussen und einem gesamten Segment den Pfad zu einer Trendwende öffnen.
Stefan Feulner bringt als Börsenkenner etwa 30 Jahre Erfahrung an den Kapitalmärkten mit, leitete als CEO ein börsennotiertes Venture-Capital-Unternehmen und verantwortet heute als Head of Content führende Finanzportale wie wallstreetONLINE.de. Er gehört zu unserem Expertennetzwerk EXPERTS Circle.
Die wohl bedeutendste Cannabis-Entscheidung seit Jahrzehnten
Zentraler Punkt der Anhörung ist die Frage, ob Cannabis auf Bundesebene künftig von Schedule I in Schedule III des Controlled Substances Act überführt wird. Schedule I ist die strengste Kategorie und umfasst Stoffe ohne anerkannten medizinischen Nutzen, etwa Heroin, LSD oder Ecstasy.
Eine Einstufung in Schedule III würde Cannabis weiterhin regulieren, den Firmen jedoch spürbare wirtschaftliche Erleichterungen bringen. Die Verhandlung findet in Arlington, Virginia, statt und soll spätestens bis zum 15. Juli beendet sein. Basis ist ein neues, beschleunigtes Verfahren des US-Justizministeriums und der DEA.
Der größte Hebel liegt im Steuerrecht. Bislang verhindert der berüchtigte Paragraph 280E des US-Steuerrechts, dass Cannabisfirmen ihre gewöhnlichen Betriebsausgaben steuerlich absetzen können. Eine Umstufung in Schedule III würde diese Last für viele Anbieter beenden und die Nettogewinne teils sprunghaft ansteigen lassen.
Das führt aktuell zu effektiven Steuerquoten von teils 60 bis über 80 Prozent, obwohl viele Unternehmen operativ noch nicht profitabel sind. Parallel dazu könnten Forschung, Finanzierung und der Zugang zum Bankensystem erleichtert werden.
Milliardenpotenzial für einen gebeutelten Sektor
An der Börse wurde die Cannabisbranche in den vergangenen Jahren weitgehend abgeschrieben. Hohe Zinsen, fehlende Profitabilität und regulatorische Unsicherheit führten zu drastischen Kursverlusten. Vor diesem Hintergrund birgt die laufende Anhörung erhebliches Überraschungspotenzial.
Öffnet die DEA endgültig die Tür zu Schedule III, dürfte sich die Bewertung vieler Gesellschaften schlagartig verändern. Schätzungen zufolge könnten bei einigen Produzenten jährliche Steuerersparnisse im zweistelligen Millionenbereich anfallen. Gleichzeitig sinken regulatorische Risiken, was den Einstieg institutioneller Anleger erleichtern dürfte. Auch wenn Cannabis damit nicht bundesweit legal wäre, handelte es sich um die größte regulatorische Verbesserung für die Branche seit Jahrzehnten.
Diese drei Unternehmen haben ausgeprägtes Turnaround-Potenzial
Curaleaf zählt zu den größten Cannabisplayern Nordamerikas und betreibt ein weit verzweigtes Netz für Anbau, Verarbeitung und Vertrieb. Aufgrund der Größe dürfte Curaleaf überproportional von wegfallenden Steuerlasten profitieren. Zudem baut das Unternehmen seine internationale Präsenz aus und erschließt damit zusätzliche Wachstumschancen.
Green Thumb Industries gilt als einer der finanziell solidesten Betreiber der Branche. Das Unternehmen erzielte in den vergangenen Quartalen bereits positive operative Ergebnisse und weist eine vergleichsweise robuste Bilanz auf. Sinken die Steuerabgaben, könnte sich der freie Cashflow deutlich verbessern und damit eine nachhaltige Neubewertung stützen.
Trulieve Cannabis verfügt insbesondere im US-Bundesstaat Florida über eine starke Marktposition. Sollte neben der bundesweiten Umstufung langfristig auch die Legalisierung in weiteren Bundesstaaten vorankommen, zählte Trulieve zu den größten Gewinnern. Auch hier würde der Wegfall steuerlicher Nachteile die Ertragslage spürbar verbessern.
Große Chancen – Risiken bleiben bestehen
Trotz aller Zuversicht sollten Anleger die Risiken nicht unterschätzen. Die Anhörung ist zunächst ein Verwaltungsakt; ein endgültiger Beschluss steht aus und rechtliche Anfechtungen sind wahrscheinlich. Zudem bedeutet Schedule III keine vollständige Legalisierung auf Bundesebene. Gleichwohl könnte bereits mehr regulatorische Klarheit genügen, um die Branche wieder stärker in den Fokus institutioneller Investoren zu rücken.
Nach Jahren drastischer Kursverluste könnte die DEA-Anhörung somit einen Wendepunkt für die Cannabisindustrie markieren. Wird die Umstufung bestätigt, wäre das nicht nur ein politisches Signal, sondern vor allem ein wirtschaftlicher Befreiungsschlag. Für Unternehmen wie Curaleaf, Green Thumb Industries und Trulieve könnte damit der lang ersehnte Turnaround beginnen.