US-Sanktionen beschleunigen in China den Aufbau einer eigenständigen KI-Infrastruktur. Kiwimoore könnte davon profitieren – steht jedoch selbst unter Exportauflagen.
Der chinesische Chipentwickler Kiwimoore hat nach Informationen von Reuters vertraulich einen Börsengang in Hongkong beantragt und zielt auf eine Bewertung von etwa zwei Milliarden US-Dollar ab, sagten zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen.
Auf eine Anfrage von Reuters gab Kiwimoore keinen Kommentar ab. Die Quellen wollten anonym bleiben, da es sich um vertrauliche Informationen handelt. Dem Vernehmen nach strebt Kiwimoore einen Börsengang in Hongkong in der ersten Jahreshälfte 2027 an. In einer Finanzierungsrunde im Juli habe das Unternehmen rund 700 Millionen Yuan (103,79 Millionen US-Dollar) aufgenommen und sei dabei mit acht Milliarden Yuan (1,19 Milliarden US-Dollar) bewertet worden, so eine der Personen.
Kiwimoore profitiert von Flaschenhälsen in KI-Rechenzentren
Aus dem Umfeld verlautete, dass Kiwimoore CITIC Securities und ABC International als Begleiter für den IPO in Hongkong mandatiert hat. Beide Banken beantworteten Anfragen von Reuters nicht.
Das Anfang 2021 gegründete, in Shanghai ansässige Kiwimoore entwickelt Netzwerktechnologie, die Beschleuniger für künstliche Intelligenz in Clusterumgebungen miteinander verbindet, heißt es auf der Website des Unternehmens.
Das Unternehmen ist so positioniert, dass es von Pekings Bestreben profitieren kann, eine eigenständige Lieferkette für KI-Chips aufzubauen, nachdem die USA die Ausfuhr fortgeschrittener Technologien – darunter Chips – nach China eingeschränkt haben. Kiwimoore adressiert einen der zentralen Engpässe beim Aufbau großer KI-Rechenzentren: die effiziente Kopplung der einzelnen Beschleuniger.
Gegründet 2021 in Shanghai
Kiwimoore wurde 2021 in Shanghai ins Leben gerufen und versteht sich als Anbieter einer vollständigen „AI Networking“-Architektur. Der Kern: Kiwimoore baut nicht primär eine GPU als Nvidia-Gegenstück, sondern Technik, mit der GPUs und andere KI-Beschleuniger zu immer größeren Clustern zusammengeschaltet werden können.
Abgedeckt werden drei Ebenen: Verbindungen zwischen Servern („Scale Out“), zwischen Chips innerhalb sogenannter Supernodes („Scale Up“) sowie innerhalb eines Chips beziehungsweise zwischen Chiplets („Scale Inside“).
Als besonderes Produkt nennt das Unternehmen die Kiwi SNIC, eine speziell für KI-Netze entwickelte Smart Network Interface Card. Sie soll Datenraten von 800 Gigabit pro Sekunde erreichen und über Ethernet verlustarme Netzwerke mit Zehntausenden KI-Beschleunigern ermöglichen. Zudem setzt die Karte auf RDMA, also einen direkten Datenaustausch zwischen Rechnern bei minimaler CPU-Belastung.
Kiwimoore verpasste Umsatzziel
Ganz ohne Risiken ist die Wachstumserzählung jedoch nicht. Ein für 2025 vereinbartes Umsatzziel von 600 Millionen Yuan (89 Millionen US-Dollar) wurde offenbar nicht erreicht. Der börsennotierte Partner Runxin Technology sah daher von einer geplanten Erhöhung seiner Beteiligung ab. Zudem konnte ein gemeinsames Chipprojekt trotz bereits ausgelieferter Muster wegen US-Exportauflagen für HBM-Speicher bislang nicht in die Serienfertigung gehen.
Die US-Technologiebeschränkungen sind für Kiwimoore damit Chance und Risiko zugleich: Sie erhöhen den Druck auf China, eine eigene KI-Infrastruktur aufzubauen und könnten die Nachfrage nach heimischen Lösungen ankurbeln, erschweren Kiwimoore aber gleichzeitig den Zugang zu kritischen Komponenten.
Positiv zu vermerken ist, dass das Unternehmen gemeinsam mit dem ASIC-Spezialisten Faraday bereits eine 2.5D-Packaging-Plattform in die Massenproduktion überführt hat. Für Anleger wird daher entscheidend sein, welche Angaben zu Umsatz, Kunden und Margen Kiwimoore im späteren IPO-Prospekt macht.
Autor: Paul Späthling, wallstreetONLINE Redaktion
Aus der Redaktion von wallstreetONLINE