US- und europäische Staatsanleihen stehen zunehmend unter Druck. BlackRock und JPMorgan suchen daher Schutz in Segmenten, die lange Zeit als besonders gefährlich galten.
Da die großen Aktienmärkte aktuell sehr volatil auf immer neue Krisen reagieren und immer mehr Experten einen nahenden Crash prognostizieren, suchen Investoren verstärkt nach robusten Anlageformen zur Absicherung. Doch auch die üblichen Schutzinstrumente in Form von Staatsanleihen – von den USA über Japan bis Deutschland – geraten vermehrt unter Druck, weil wegen höherer Inflation, steigender Energiepreise und wachsender Haushaltsdefizite mit anhaltend hohen Zinsen gerechnet wird.
Während die Risiken an den etablierten Märkten steigen, haben einige der größten Vermögensverwalter der Welt eine neue, vergleichsweise sichere Nische ausgemacht, um weiterhin Erträge zu erzielen: Anleihen aus Schwellenländern.
Hohe Renditen bei Anleihen aus Schwellenländern
Fonds von JPMorgan Asset Management, BlackRock und anderen großen Investmenthäusern fokussieren sich vor allem auf Länder wie Brasilien, Mexiko, Ungarn oder Südafrika. Diese bieten derzeit deutlich höhere Realzinsen, verfügen über robustere Staatsfinanzen und Zentralbanken mit mehr Eingriffsspielraum als viele Industriestaaten.
Seit Jahresbeginn erzielten lokale Schwellenländer-Anleihen eine Rendite von 3,9 Prozent, während US-Staatsanleihen und europäische Pendants im gleichen Zeitraum 0,6 Prozent verloren, wie Daten von State Street und Bloomberg belegen. Bereits im Vorjahr lagen Schwellenland-Bonds mit einem Plus von mehr als 19 Prozent an der Spitze der festverzinslichen Anlageklassen. Zugleich legte der MSCI-Schwellenländer-Währungsindex zuletzt elf Wochen in Serie zu – die längste Gewinnphase seit 2007.
Mehr geldpolitische Flexibilität in vielen Schwellenländern
Vor einigen Jahren galten Anleihen aus Schwellenländern noch als besonders riskant; in der Inflationskrise 2022 gerieten viele dieser Märkte unter Druck. Inzwischen hat sich das Bild gewandelt: Laut JPMorgan liegt die Inflation in den Emerging Markets im Durchschnitt bei rund 3,8 Prozent – etwa ein Drittel des Niveaus während des Schocks vor vier Jahren. Damit haben zahlreiche Zentralbanken wieder deutlich mehr Spielraum.
Während die US-Notenbank Federal Reserve und die Europäische Zentralbank angesichts hoher Teuerung tendenziell weiter anheben müssen, können etliche Schwellenländer ihre Geldpolitik stärker an die eigene Konjunktur ausrichten.
So senkten Brasilien, die Türkei und Ungarn zuletzt sogar ihre Leitzinsen, während Fed, EZB und die Bank of Japan nachlegten. Bei weiterhin kontrollierter Inflation und einem Wachstum nahe oder etwas unter dem Potenzial dürften die lokalen Zinsen vieler Emerging Markets relativ stabil bleiben, während Industrieländer-Anleihen unter Verkaufsdruck stehen, so die Einschätzung von Experten.
Besonders attraktiv erscheint BlackRock der tschechische Anleihemarkt. Während viele Marktteilnehmer weitere Zinserhöhungen erwarten, geht Michel Aubenas, Investmentchef für Schwellenländer-Anleihen bei dem Vermögensverwalter, davon aus, dass die tschechische Notenbank den Leitzins länger bei 3,75 Prozent stabil halten könnte.
Absicherungsoption für Anleger
Für Schwellenländer spricht zudem, dass einige von ihnen ihre öffentlichen Finanzen besser im Griff haben als so manche Industrienation. Während die USA, Japan und mehrere europäische Staaten mit hohen Defiziten und steigender Verschuldung ringen, haben verschiedene Emerging Markets ihre Staatsfinanzen verbessert.
Das Wirtschaftswachstum der Schwellenländer dürfte Prognosen zufolge in diesem Jahr bei rund 3,7 Prozent liegen – ein Niveau, das viele Staaten dabei unterstützt, ihre Haushalte zu stabilisieren. „Die finanzielle Verschwendung der Industrieländer macht Schwellenländer generell interessanter“, sagte Thomas Christiansen, Investmentchef für Schwellenländer-Anleihen bei Union Bancaire Privée, gegenüber Bloomberg. Die jüngsten Bewegungen an den Anleihemärkten der Industriestaaten seien teilweise eine Folge dieser Entwicklung.
Während viele klassische Anleihemärkte derzeit mit steigenden Renditen und fallenden Kursen kämpfen, könnte der Blick über die Industrieländer hinaus Anlegern neue Absicherungschancen eröffnen. Große Investmenthäuser setzen darauf, dass ausgerechnet einige lange unterschätzte Märkte zu den Gewinnern der nächsten Phase an den Finanzmärkten zählen könnten.