Die EZB wird am Donnerstag voraussichtlich die Zinsen anheben. Sparer können davon profitieren, während Immobilienkäufer mit höheren Kosten rechnen müssen. Diese Vorgehensweise ist jetzt sinnvoll.
Die Phase sinkender Zinsen scheint vorerst beendet. Nach Einschätzung mehrerer Volkswirte dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Einlagensatz am 10. September (Donnerstag) um 0,25 Prozentpunkte auf 2,50 Prozent anheben. Auslöser ist vor allem der jüngste Energieschub: Die Inflation im Euroraum stieg im August auf 3,3 Prozent.
Für Verbraucher beginnt damit eine neue Etappe. Sparer können auf attraktivere Tages- und Festgeldangebote setzen. Bauherren und Immobilienkäufer müssen hingegen weiter mit hohen Finanzierungskosten kalkulieren. Ausschlaggebend wird sein, wie lange die EZB das höhere Zinsniveau beibehält und ob weitere Schritte folgen.
„Es gilt als nahezu sicher, dass die EZB bei ihrer Sitzung […] die Zinsen anheben wird“, sagt Leo Barincou von Oxford Economics gegenüber Morningstar.
Für Sparer, Immobilienkäufer und Menschen mit laufenden Krediten heißt das: Nicht auf den perfekten Zeitpunkt spekulieren, sondern die eigene Finanzplanung gegen verschiedene Zinsszenarien absichern.
Sparer sollten sich vorerst nicht langfristig binden
Am direktesten profitieren Inhaber von Tages- und Festgeld. Steigt der EZB-Einlagensatz, können Banken überschüssige Liquidität wieder zu besseren Konditionen bei der Zentralbank parken. Dadurch wächst der Spielraum für höhere Sparzinsen.
Automatisch passiert das jedoch nicht. Banken geben gestiegene Zentralbankzinsen meist weder vollständig noch umgehend an ihre Kunden weiter. Wer sein Geld bei einem Institut mit mageren Tagesgeldkonditionen parkt, profitiert trotz steigender Marktzinsen womöglich kaum.
Daher bietet sich für Sparer eine einfache Vorgehensweise an:
- Tagesgeld vergleichen: Eine mögliche Zinserhöhung ist ein guter Anlass, bestehende Konditionen zu überprüfen.
- Festgeld staffeln: Anstatt das gesamte Kapital für Jahre zu binden, können etwa Tranchen über sechs, zwölf und 24 Monate verteilt werden.
- Liquidität wahren: Wer mit weiteren Anhebungen rechnet, sollte nicht jeden Euro langfristig festlegen.
Diese Zinstreppe verhindert, dass Sparer komplett am heutigen Niveau festkleben, falls Banken ihre Angebote später verbessern.
Für Bauherren kann Warten teuer werden
Bei Immobilienkrediten ist die Mechanik eine andere. Bauzinsen orientieren sich nicht eins zu eins am EZB-Leitzins. Maßgeblich sind vor allem die langfristigen Kapitalmarktzinsen und die Erwartungen der Investoren. Eine erwartete Anhebung kann daher schon Wochen vor der eigentlichen EZB-Entscheidung in Hypothekenzinsen eingepreist sein.
Wer aktuell ein Haus kaufen oder bauen will, sollte deshalb nicht darauf setzen, dass nach dem 10. September schlagartig Klarheit herrscht.
Entscheidend ist die Tragfähigkeit der Finanzierung. Bei einem Darlehen über 400.000 Euro bedeuten bereits 0,5 Prozentpunkte mehr Zins anfänglich rund 2000 Euro zusätzliche Zinskosten im Jahr. Bauwillige sollten deshalb mehrere Angebote parallel vergleichen und prüfen, ob die Rate auch bei ungünstigeren Konditionen noch leistbar bleibt.
Das gilt ebenso für Eigentümer, deren Zinsbindung in ein bis drei Jahren ausläuft. Eine frühzeitige Anschlussfinanzierung oder ein Forward-Darlehen kann Planungssicherheit schaffen – kostet aber häufig einen Zinsaufschlag. Ob sich das lohnt, hängt daher stärker vom persönlichen Sicherheitsbedürfnis ab als von einer einzelnen EZB-Prognose.
Warum zusätzliche Zinsschritte alles andere als ausgemacht sind
Ein genauer Blick auf die Inflationsdaten spricht derzeit gegen einen langen Zinserhöhungszyklus. Der jüngste Inflationsanstieg geht überwiegend auf Energie zurück. Während die Energiepreise im August um 14,3 Prozent zulegten, sank die Kerninflation ohne Energie und Nahrungsmittel auf 2,4 Prozent.
Ökonomen sehen bislang nur begrenzte Hinweise darauf, dass höhere Energiepreise dauerhaft in Löhne und andere Preise durchschlagen. Genau solche Zweitrundeneffekte wären jedoch ein zentrales Argument für weitere Zinserhöhungen.
„Im Gegensatz zu den Märkten halten wir es für verfrüht, bereits eine dritte Zinserhöhung einzuplanen, zumal der zugrunde liegende Preisdruck vorerst begrenzt bleibt“, sagt Leo Barincou, Senior Economist bei Oxford Economics.
Daher ist nach dem erwarteten Schritt im September auch eine längere Pause vorstellbar.
Für Verbraucher ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Sparer sollten flexibel bleiben, Kreditnehmer hingegen verstärkt auf Planungssicherheit achten.
Wer auf steigende Zinsen setzt, kann abwarten. Wer unter steigenden Zinsen leiden würde, sollte sich dagegen nicht darauf verlassen, dass die EZB bald wieder umschwenkt.