Die globalen Ölvorräte gehen zurück und zentrale Lieferketten bleiben gestört. Sollte sich die Lage zuspitzen, droht nach Einschätzung der Bank of America ein anhaltender Preisschock.
Die Bank of America warnt vor einem Ölpreissprung auf über 150 US-Dollar je Barrel, falls sich Engpässe weiter verschärfen. Die Investmentbank hat ihre Prognose für Brent zum Jahresende bereits deutlich von 83 auf 95 US-Dollar angehoben. Noch kritischer ist jedoch das Risikoszenario: Halten die Ausfälle bis ins Frühjahr 2027 an oder wird zusätzliche Ölinfrastruktur beschädigt, könnte Brent nach Einschätzung der Strategen klar über 150 US-Dollar steigen, um die weltweite Nachfrage spürbar zu bremsen.
Seeverkehr durch die Straße von Hormus weiterhin stark beeinträchtigt
Hinter der Warnung steht eine zunehmend angespannte Angebotslage. Der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus bleibt stark eingeschränkt; zusätzlich belasten Raffinerieausfälle, geringere Exporte aus dem Nahen Osten und Russland sowie Störungen rund um Bab el-Mandeb den Markt. Nach Berechnungen der Bank lagen die über Hormus verursachten Lieferausfälle zeitweise bei rund 14 Millionen Barrel pro Tag. Zuletzt beliefen sie sich im Mittel immer noch auf etwa 4 bis 8 Millionen Barrel täglich.
Francisco Blanch, Rohstoffstratege der Bank of America, sieht vor allem die sinkenden Lagerbestände als Risiko. Seit dem Höchststand im März seien mindestens 350 Millionen Barrel aus den weltweiten oberirdischen Vorräten abgebaut worden. Die Bestände lägen rund 200 Millionen Barrel unter den saisonalen Rekordtiefs. Auch der Terminmarkt verdeutlicht die aktuelle Knappheit: Sofort verfügbare Lieferungen kosten deutlich mehr als spätere.
„Kaum noch Reservekapazitäten“
„Obwohl US-Raffinerien und Kraftstoffexporteure die Lücke teilweise geschlossen haben, deuten extrem niedrige Produktlager und erhöhte Raffineriemargen darauf hin, dass das System nur minimale Puffer hat“, sagte Blanch laut „CNBC“. Er warnte, die Störungen könnten sich zu einem „strukturellen Schock“ ausweiten.
Kurzfristig hat sich der Ölpreis dennoch entspannt. Brent rutschte bereits am Dienstag unter 100 US-Dollar je Barrel, WTI unter 90 US-Dollar. Auslöser war ein Reuters-Bericht, wonach Saudi Aramco die Ost-West-Pipeline wieder hochfährt und Exporte über Yanbu am Roten Meer erneut aufnehmen könnte.
Für 2027 erwartet die Bank im Basisszenario im Schnitt etwa 80 US-Dollar für Brent. Der entscheidende Punkt bleibt jedoch das asymmetrische Risiko: Bleibt der Konflikt im Iran ungelöst und nehmen die Schäden an der Infrastruktur zu, könnte sich aus der aktuellen Knappheit ein deutlich stärkerer Preisschock entwickeln.