Die australische Zentralbank erhöht nicht nur die Zinsen – sie warnt zugleich vor einer zweiten Inflationswelle, getrieben durch Energiepreise, gestörte Lieferketten und Lebensmittelkosten.
Die Reserve Bank of Australia (RBA) hat den Leitzins um 25 Basispunkte auf 4,35 Prozent angehoben. Auffällig ist dabei weniger der Schritt selbst als die Begründung dafür.
Schon vor dem Ausbruch des Nahost-Konflikts lag die Inflation oberhalb des Ziels, die Wirtschaft arbeitete an der Kapazitätsgrenze und der Arbeitsmarkt blieb angespannt. Durch den Konflikt hat sich diese Lage spürbar verschärft – insbesondere wegen stark gestiegener Energiepreise.
Carsten Stork ist Rohstoffexperte mit über 25 Jahren Erfahrung im institutionellen Trading. Er gehört zu unserem Expertennetzwerk EXPERTS Circle.
Zunehmende Verbraucherpreisinflation
Im März kletterte die Verbraucherpreisinflation in Australien auf 4,6 Prozent. Allein höhere Kraftstoffpreise steuerten 0,8 Prozentpunkte bei. Die RBA betont, dass sich die vollen Effekte teurerer Energie mit Verzögerung in anderen Waren und Dienstleistungen niederschlagen werden.
Energie ist nicht nur ein einzelner Posten im Warenkorb, sondern ein zentraler Kostenfaktor für Transport, Produktion, Landwirtschaft und Services.
Weltweite Folgen des Nahost-Konflikts
Die RBA skizziert ein Risiko, das auch in Europa und den USA zunehmend sichtbar wird: Die erste Inflationswelle kommt über Öl und Gas. Die zweite Welle trifft über Inputkosten, Lieferketten und Lebensmittel.
Der Nahost-Konflikt beeinträchtigt nicht nur Energieproduktion und Schifffahrt, sondern belastet auch andere für Landwirtschaft und Industrie wichtige Rohstoffe.
Überarbeitete Prognosen der RBA
Auffallend ist die neue Projektion: Die RBA rechnet nun kurzfristig mit deutlich hartnäckigerer Inflation als noch im Februar prognostiziert.
Die Gesamtinflation soll zur Jahresmitte 2026 mit 4,8 Prozent ihren Höchststand erreichen. Die Kernteuerung dürfte bis Mitte 2027 über 3 Prozent verharren und erst bis Mitte 2028 wieder in Richtung 2,5 Prozent sinken.
Parallel dazu wird ein schwächeres Wachstum erwartet. Höhere Spritpreise drücken die real verfügbaren Einkommen, und ein höherer Zinskurs bremst Konsum, Investitionen und den Arbeitsmarkt.
Folgen für den Austral-Dollar und andere Notenbanken
Für den Austral-Dollar wirkt das stützend. Die Märkte kalkulieren inzwischen ein, dass der Leitzins bis Ende 2026 auf etwa 4,7 Prozent steigen könnte.
Der AUD hat bereits aufgewertet – auch, weil sich die Zinsdifferenzen zu anderen großen Währungsräumen zugunsten Australiens verschoben haben.
Für andere Zentralbanken weltweit könnte Australien als Frühindikator dienen: Bleiben Energiepreise hoch und greifen die Effekte auf die Breite der Preise über, wird aus dem geopolitischen Schock ein geldpolitisches Problem.