Vor sieben Wochen ging der Ölmarkt noch von einer zügigen Entspannung zwischen den USA und dem Iran aus. Doch zahlreiche Unwägbarkeiten sprechen weiterhin für einen längeren Konfliktverlauf und steigende Ölpreise – mit Folgen für Inflation, Zinsen und die Aktienmärkte.
- Teherans Logik der Macht spricht gegen eine zügige Einigung
- Der Konflikt ist längst persönlich aufgeladen
- Die Historie zeigt: Iran kann Konflikte lange hinziehen
- Trump bleibt ein Unsicherheitsfaktor für den Ölmarkt
- Die Märkte verwechseln Verhandlungssignale mit Entspannung
- Ein andauernder Konflikt kann Teheran nutzen
- Ölkrisen eskalieren häufig schneller als erwartet
- Für Anleger ist das Risiko deutlich asymmetrisch
- Warum die Risiken für die Börsen noch nicht gebannt sind
Am 3. Juni hatten wir an dieser Stelle gewarnt: Der Ölmarkt preist eine zu rasche Annäherung zwischen den USA und dem Iran ein. Sieben Wochen später bestätigt sich diese Skepsis. Die Ölsorte Brent nähert sich erneut der Marke von 100 Dollar pro Barrel.
Entscheidend ist jedoch nicht allein das höhere Preisniveau. Auch die neun Argumente, die bereits damals gegen eine schnelle, belastbare Entspannung sprachen, sind weiterhin aktuell. Weder die politischen Prioritäten Teherans noch die strategische Relevanz der Straße von Hormus oder die Unberechenbarkeit Donald Trumps haben sich grundlegend verändert.
Daher lohnt ein Blick zurück auf jene neun Risikofaktoren, die den Ölpreis weiter nach oben treiben können – und damit Inflation, Zinsen und Börsen belasten.
Diese neun Punkte gelten unverändert:
Teherans Logik der Macht spricht gegen eine zügige Einigung
Entscheidend ist weniger, ob Diplomaten reden, sondern ob Irans Führung überhaupt interessiert ist, US-Präsident Donald Trump kurzfristig einen sichtbaren Erfolg zu ermöglichen.
Seit der Revolution von 1979 definiert sich die Islamische Republik maßgeblich über den Widerstand gegen die USA und Israel. In der offiziellen Erzählung sind die USA nicht nur ein schwieriger Verhandlungspartner, sondern der Erzfeind – ein Feindbild, das das Machtgefüge der Ayatollahs stabilisiert.
Jede Einigung mit Washington wird damit innenpolitisch automatisch heikel. Ein Deal ist für Teheran nicht nur außenpolitisch, sondern muss auch dem eigenen Machtapparat, den Revolutionsgarden und der treuen Basis vermittelt werden. Wer jahrzehntelang den Widerstand gegen Amerika predigt, kann nicht ohne hohen Preis plötzlich auf rasche Entspannung umschwenken.
Das heißt nicht, dass Teheran Krieg um jeden Preis sucht. Es bedeutet aber: Ein schneller Deal mit Washington wäre politisch kostspielig – insbesondere, wenn er so wirkt, als habe Trump den Iran zum Einlenken gezwungen.
Der Konflikt ist längst persönlich aufgeladen
Ein zügiger Abschluss wäre für Teheran nicht nur eine diplomatische Frage, sondern hat inzwischen auch eine symbolische und persönliche Dimension.
Im aktuellen Konflikt, der sich weitgehend auf iranischem Territorium abspielt, sollen Berichten zufolge Angehörige und zentrale Figuren der Machtelite durch amerikanisch-israelische Angriffe getötet worden sein. Es ist kaum vorstellbar, dass dies ohne Einfluss auf die Verhandlungslogik bleibt.
Es geht nicht mehr nur um Sanktionen, Urananreicherung oder freie Passage durch Hormus. Es geht um Vergeltung, Gesichtsverlust und die Frage, wie die Führung ihren Anhängern einen Kompromiss mit Washington erklären kann.
Die Historie zeigt: Iran kann Konflikte lange hinziehen
Ein Blick zurück verdeutlicht das Risiko. Nach der iranischen Revolution wurde am 4. November 1979 die US-Botschaft in Teheran gestürmt. 52 Amerikaner wurden 444 Tage festgehalten. Auch damals gab es Gespräche, Signale, Zwischenschritte – und Hoffnungen in den Schlagzeilen.
Die Geiseln kamen jedoch nicht während der Amtszeit Jimmy Carters frei, sondern erst am 20. Januar 1981 – kurz nach Ronald Reagans Vereidigung. Die Vereinbarung war zwar noch unter Carter mit algerischer Vermittlung ausgehandelt worden; politisch blieb jedoch der Eindruck: Teheran ließ Carter bis zum letzten Tag zappeln.
Damals ging es nicht nur um persönliche Antipathie gegenüber Carter. Entscheidend war, dass Teheran ihn politisch vorführen konnte: als US-Präsident, als Symbol des früheren amerikanischen Einflusses im Iran und als innenpolitisch bedrängten Staatschef. Diese Demütigung gelang.
Das Muster ist bis heute relevant. Iran kann Verhandlungen strecken, Bedingungen verschieben und den Zeitpunkt einer Einigung politisch inszenieren. Genau das ist gefährlich, weil Märkte immer wieder auf die baldige Einigung setzen.
Inzwischen dauert der aktuelle Konflikt bereits seit 146 Tagen an.
Daher genügt es nicht, ein Abkommen zu unterschreiben. Reedereien müssen auf sichere Passage vertrauen, Versicherer ihre Prämien senken und Raffinerien verlässlich planen können.
Minen, Drohnen, Raketen, festgesetzte Tanker oder schon glaubwürdige Drohungen reichen aus, um den Normalbetrieb zu stören. Ein Memorandum räumt keine Minen, eine Pressekonferenz öffnet keine Wasserstraße – und ein optimistischer Satz aus Washington überzeugt keinen Versicherer, solange die militärische Lage unsicher ist.
Trump bleibt ein Unsicherheitsfaktor für den Ölmarkt
Hinzu kommt: Donald Trump handelt nicht immer nach diplomatischer Logik. Er entscheidet häufig situativ, personalisiert Konflikte und setzt auf maximale Drohkulissen – das zeigte er in diversen außenpolitischen Krisen.
Für den Ölmarkt ist das riskant. In dieser Lage genügen eine Aussage, ein Social-Media-Post, ein Ultimatum oder ein militärischer Befehl, um Erwartungen abrupt zu drehen. Spielt Teheran auf Zeit und reagiert Trump mit Härte, kann aus Verhandlung rasch Eskalation werden – die vergangenen Wochen haben das deutlich gemacht.
Ein – weiterhin möglicher – stabiler Deal wird dadurch nicht ausgeschlossen, aber fragiler. Auf beiden Seiten agieren Akteure, die innenpolitisch vom Demonstrieren von Stärke profitieren können.
Jeder weitere Tag ohne Lösung erhöht jedoch das Risiko eines plötzlichen Umschwungs. Dann geht es nicht mehr nur um ein paar Dollar Risikoaufschlag, sondern um ein neues Krisenregime: teurere Transporte, knappere Lieferungen, sinkende Bestände, höhere Versicherungsprämien und neue Inflationssorgen.
Die Märkte verwechseln Verhandlungssignale mit Entspannung
Immer wieder reagieren die Kurse auf jedes diplomatische Signal: Sagt Trump, die Gespräche liefen, fällt Öl. Droht Teheran oder stellt neue Bedingungen, steigt Öl. Das ist typisch für Krisenmärkte – und zeigt zugleich, wie dünn die aktuelle Preisbildung ist.
Auch „Bloomberg“ beschreibt die Lage als Markt zwischen Hoffnung und Unsicherheit. Der Preis gibt zeitweise nach, obwohl die wesentlichen Fragen ungeklärt bleiben. Das ist kein Beleg für Entspannung, sondern dafür, dass Investoren eine Lösung vorwegnehmen, die noch nicht belastbar ist.
Aktuell, so einige Analysten, spiegelt der Ölpreis zu viel Optimismus für eine schnelle Einigung wider. Ihre Argumentation: Die Gegensätze zwischen den USA und Iran sind nicht nur taktisch, sondern ideologisch – der Markt unterschätzt daher die Wahrscheinlichkeit eines langwierigen Konflikts.
Für den Ölmarkt ist diese Phase aus Gesprächen, Drohungen, Teilzusagen und ausbleibender Normalisierung in Hormus hochriskant. Denn Tanker fahren nicht auf Basis von Hoffnung.
Ein andauernder Konflikt kann Teheran nutzen
Das ist der unbequeme Punkt. Westliche Märkte unterstellen oft, dass alle Seiten möglichst schnell zur Normalität zurückkehren wollen. Für Unternehmen stimmt das meist; für Regime unter Druck nicht zwingend.
Für Teheran kann Verzögerung strategisch vorteilhaft sein. Je länger der Konflikt andauert, desto realer wird genau dieses Kalkül.
Jeder zusätzliche Verhandlungstag hält den Ölmarkt nervös und verteuert die Gegenleistungen. Solange Hormus nicht vollständig normalisiert ist, bleibt Iran im Zentrum der Weltpolitik.
Ein schneller Deal hingegen würde diesen Hebel schwächen. Warum sollte Teheran Hormus völlig freigeben, wenn dieser Engpass das stärkste Druckmittel ist? Warum Trump früh einen Erfolg gönnen, wenn Warten womöglich bessere Konditionen bringt?
Ölkrisen eskalieren häufig schneller als erwartet
Die Geschichte der Ölkrisen zeigt: Engpässe werden oft unterschätzt – bis sie physisch spürbar sind. 1979 löste die iranische Revolution einen massiven Preisschock aus, der Iran-Irak-Krieg ab 1980 belastete die Region jahrelang. Immer wieder reichten Konflikte, Sanktionen oder Angriffe auf Energieinfrastruktur, um Risikoprämien sprunghaft zu erhöhen.
Der einfache Grund: Kurzfristig ist Öl weiterhin schwer zu ersetzen. Autos fahren, Flugzeuge fliegen, Raffinerien benötigen bestimmte Qualitäten, Chemieunternehmen Vorprodukte. Fällt Angebot aus oder wird unsicher, lässt sich die Nachfrage nicht sofort anpassen.
Daher reichen schon relativ kleine physische Ausfälle für große Preissprünge. Und Hormus ist kein kleiner Ausfall, sondern ein globaler Engpass.
Preist der Markt heute eine schnelle Beruhigung ein, erkennt aber morgen, dass Hormus noch wochen- oder monatelang nur eingeschränkt funktioniert, muss er seine Kalkulation schlagartig anpassen.
Genau das beobachten wir aktuell.
Für Anleger ist das Risiko deutlich asymmetrisch
Für Investoren ist nicht die Frage, ob ein Ölpreissprung sicher kommt – an Märkten ist wenig sicher. Wichtig ist: Was geschieht, wenn der Markt falsch liegt?
Hier ist die Lage asymmetrisch: Gelingt (irgendwann) ein Deal und kehrt in Hormus vollständige Normalität ein, dürfte der Ölpreis fallen – womöglich deutlich. Scheitert die Einigung jedoch, verzögert sie sich oder bleibt sie nur auf dem Papier, kann der Anstieg erheblich stärker ausfallen.
Diese Asymmetrie ist der Kern des dauerhaften Risikos. Zuletzt handelten Märkte wiederholt eine Entspannung, deren politische Grundlage schwach war und es weiterhin ist. Zugleich unterschätzten sie, wie kräftig der Preisschock ausfallen könnte, falls diese Entspannung ausbleibt – wie nun geschehen.
Warum die Risiken für die Börsen noch nicht gebannt sind
Ein „böses Erwachen“ ist nicht zwangsläufig – derzeit aber wahrscheinlicher, als es der Markt vor sieben Wochen vermuten ließ. Aktuell ist die Chance auf weiter steigende Ölpreise größer als die auf fallende Notierungen.
Die möglichen Folgen sind erheblich: Bleibt Öl teuer oder steigt wieder in Richtung 120 Dollar, trifft das nicht nur Rohstoffhändler, sondern die gesamte Wirtschaft.
Teures Öl verteuert Benzin, Diesel, Kerosin, Chemieerzeugnisse, Kunststoffe, Transporte und Vorleistungen. Unternehmen sehen sich mit höheren Kosten konfrontiert, Verbraucher haben weniger Spielraum – die Inflation zieht an. Das bringt Notenbanken in die Zwickmühle.
Steigende Energiepreise treiben die Inflation, während sie gleichzeitig Wachstum und Kaufkraft dämpfen. Höhere Zinsen bekämpfen den Preisdruck, schwächen aber zusätzlich die Konjunktur. Zinssenkungen stützen die Wirtschaft, könnten jedoch die Inflation neu anfachen.
Das bremst am Ende Kredite, Investitionen, Immobilienmärkte und den Konsum.
So entsteht der eigentliche Risiko-Mix: teureres Öl, mehr Inflation, höhere Zinsen, weniger Wachstum – der klassische Giftcocktail für Aktienmärkte. Zuerst geraten Gewinne unter Druck, anschließend sinken Bewertungen, weil höhere Zinsen künftige Erträge stärker abzinsen. Parallel steigt das Rezessionsrisiko.
Darum ist die Iran-Krise nicht nur ein Energiethema. Sie kann Auslöser einer breiteren Marktkorrektur sein. Wenn Anleger heute Frieden einpreisen, morgen aber Stagflation fürchten müssen, steigt die Crashgefahr deutlich.