Als erstes Vermögenshaus weltweit überschreitet BlackRock die Marke von 15 Billionen Dollar. Die zentrale Machtfrage stellt sich jedoch an anderer Stelle.
BlackRock stößt in eine neue Dimension vor und erhöht den Druck auf die Konkurrenz. Im zweiten Quartal 2026 kletterte das verwaltete Vermögen auf etwa 15,3 Billionen US-Dollar (rund 13,4 Billionen Euro) – maßgeblich befeuert durch den ETF-Boom, den auch stetig wachsende Sparpläne privater Anleger tragen. Hinzu kommen kräftige Zuflüsse und die gestiegenen Kurse der im Portfolio enthaltenen Aktien.
Robin Binder, Finanzexperte und Gründer von NAO, gehört zu unserem Expertennetzwerk EXPERTS Circle.
Der kritische Punkt ist der Gleichschritt des Kapitals
Die Kennzahl beeindruckt, beantwortet die Machtfrage am Markt jedoch nicht. Entscheidend ist, wie viel Kapital heute regelgebunden denselben großen Indizes folgt und sich dadurch zur gleichen Zeit in die gleiche Richtung bewegt – häufig ohne fundamentale Begründung für die einzelnen Orders. Wenn ausreichend Kapital diesem Muster folgt, können diese Ströme Kurse massiv verschieben.
Man muss die spezifischen Vorwürfe nicht teilen, um den Kern des Problems zu sehen: Sitzen dieselben Häuser bei nahezu allen großen Konzernen mit am Tisch, wird aus einer Kapitalmarktfrage eine Frage der Marktordnung. Bemerkenswert ist, dass BlackRock mit „Voting Choice“ gegengesteuert und einen Teil der Stimmrechte an Endanleger zurückgegeben hat.
„Scheindiversifikation“: Der ETF-Boom und seine Schattenseite
Für das Finanzsystem insgesamt birgt die Konzentration Risiken. Für den einzelnen Anleger hat derselbe Boom zunächst vieles verbessert: Mit wachsenden Fondsvolumina sanken die Kosten pro verwaltetem Euro. Über den Wettbewerb der großen Anbieter um Marktanteile kamen diese Skaleneffekte bei den Kunden an. Ergebnis: Kapitalmärkte waren für Privatanleger selten so günstig zugänglich.
Der Trend zu passiven Anlagen hat jedoch eine Kehrseite: das Risiko der „Scheindiversifikation“. Wer heute vermeintlich die „ganze Welt“ kauft, hält rund 72 Prozent USA. Die zehn größten Positionen machen mehr als ein Viertel des Index aus – fast durchweg dieselben US-Mega-Caps. Der Name „World“ suggeriert eine Streuung, die so nicht gegeben ist. Am Ende hängt ein scheinbar global gestreutes Depot stark am Schicksal weniger US-Technologiewerte.
Gewichtiger ist ein zweites, strukturelles Risiko: die Monokultur in der Risikomessung. Ein großer Teil der Branche bewertet sein Portfoliorisiko mit derselben Software: BlackRocks Aladdin.
Mehr als 200 Institutionen weltweit nutzen die Software, darunter direkte Wettbewerber von BlackRock. Zuletzt bezifferte BlackRock die überwachte Summe 2017 offiziell auf etwa 20 Billionen US-Dollar; seitdem werden keine Zahlen mehr veröffentlicht.
Angesichts des starken Wachstums vieler Asset Manager dürfte die Summe inzwischen höher liegen. Das Problem: Wenn große Teile der Branche Risiko durch dieselbe Linse betrachten, fallen im Stressfall die Reaktionen oft ähnlich aus. Viele verkaufen gleichzeitig. Im Aufschwung ist das weniger kritisch, im Abschwung kann es Abwärtswellen verstärken.
Ausgerechnet der eigene Erfolg lässt im passiven Geschäft wenig Raum zur Differenzierung: Alle bilden denselben Index ab, viele nutzen ähnliche Risikomodelle – an denen immerhin mitverdient wird. Wo noch Profilierung möglich ist, zeigt der Konzern mit eigenem Kapital.
Wohin das Kapital als Nächstes fließt
Rund 28 Milliarden US-Dollar investierte der Konzern zuletzt in Global Infrastructure Partners, HPS Investment Partners und den Datendienstleister Preqin. Der größte Passivanbieter der Welt setzt damit auf eine Umschichtung von den öffentlichen in die privaten Märkte – ein Segment, das bis 2030 auf rund 30 Billionen US-Dollar anwachsen soll. Das erinnert an die Übernahme der ETF-Sparte iShares von Barclays im Jahr 2009 und den anschließenden Fokus auf das Passivgeschäft.
Darin spiegelt sich die Richtung: ETFs bleiben das Rückgrat vieler Portfolios – günstig, liquide und vielseitig. Für die Anbieter verlieren sie als Ertragstreiber jedoch an Gewicht, wie BlackRocks Strategie zeigt.
Der Konzern verlagert Kapital und Margen dorthin, wo Renditen nicht am Index hängen und die Preisspannen weniger unter Druck stehen: in Private Equity, Private Credit und Infrastruktur. Die künftige Rolle großer Vermögensverwalter liegt damit weniger im Aufblähen passiver Indexvolumina als im Erschließen privater Märkte.
Bleibt die Ausgangsfrage nach der Macht. Aus meiner Sicht wird sie dort übergroß, wo Stimmrechte und Risikomodelle ohne Leitplanken in wenigen Händen zusammenlaufen. Die reine Bilanzsumme ist dafür der falsche Maßstab.